Satya bezeichnet im Raja-Yoga die Wahrhaftigkeit des Denkens, Fühlens und Handelns. Sie umfasst nicht nur das Unterlassen von Lügen gegenüber anderen, sondern vor allem die Überwindung der Selbsttäuschung. Der Artikel zeigt, wie Wahrheit, Logik und geistige Entwicklung miteinander verbunden sind und weshalb Satya als aktiver Entwicklungsweg verstanden werden kann.
Von Heinz Grill
Satya – die Wahrhaftigkeit als Grundlage des Raja-Yoga
Im Raja-Yoga1) Vgl. den rāja-Yoga nach Patañjali, Yogas-Sutra II, 30. Die Yamas bilden das erste Glied des achtfachen Yogaweges (aṣṭāṅga-yoga): Der Sanskrit-Text lautet: ahiṃsā-satya-asteya-brahmacarya-aparigrahāḥ yamāḥ, dem königlichen Meditationspfad, werden fünf Hauptregeln genannt, die sogenannten Yama, die eine Art menschliche Grundbasis zur Meditation darstellen. Yama bedeutet Kontrolle oder Führung des menschlichen Bewusstseins. Diese fünf Yama-Regeln lauten: Ahimsa = Gewaltfreiheit, Satya = Wahrhaftigkeit2) Das Sankritwort satya bedeutet Wahrheit, Wahrhaftigkeit; es ist abgeleitet von sat („das Sein“, „die Wirklichkeit“)., Asteya = Nicht-Stehlen, Brahmacharya = Nicht-Begehren und Aparigraha = Nicht-Horten.
Die zweite Regel zur Wahrheit oder Wahrhaftigkeit des Menschen bezieht sich auf sein Denken und Handeln und schließt jede Art von Täuschung anderer Menschen sowie die nicht ganz seltene Selbsttäuschung aus. Logisch gedacht gibt es keine größere Unlogik, die sich der Mensch auferlegen kann, als sich selbst zu betrügen, zu belügen und sich in eine illusionäre Wirklichkeit hineinzuleben. Dennoch nimmt die Unlogik einen überdurchschnittlich breiten und sehr bequemen Platz im Leben ein. Logik und Wahrheit wollen vom Menschen durch tätige, eigentlich sogar durch konfrontative Auseinandersetzung errungen werden, damit die bequeme Unlogik mit all ihren Täuschungen und Betörungen von der Seele weicht.
Der Raja-Yoga will die Situation des Menschen und seine Wahrhaftigkeit gegenüber einer geordneten geistigen Strebsamkeit in systematischer Stufenfolge bekunden. Die vielen Manipulationen, die bei politischen oder ökonomischen Aktionen in der Welt stattfinden, interessieren den Yoga relativ wenig. Je mehr der einzelne Strebende durch eine Selbstrealisierung und ein wahrhaftiges Leben geht, desto besser liefert er ein Beispiel für die Disharmonien in der weltlichen Geschäftigkeit, denn er repräsentiert einen bleibenden Wert durch das Leben der Wahrhaftigkeit gegenüber sich selbst und anderen.
Der Weg zur Wahrheit verlangt Mut und innere Anstrengung
Die Verlebendigung und lebensnahe Perspektive von Satya stellen aber für den strebenden Schüler des Yoga eine recht große Anforderung dar, denn sie sind nicht nur mit der Befolgung einiger kleiner menschlicher Gebote verknüpft, sie setzen vielmehr eine riesige schöpferische Aktion des mutigen Bewusstseins, das auf unbeschreibbare Höhen klettern will, voraus. Die Wahrheit (Satya) ist wie ein Berg, ein Himalaya-Riese, den der Schüler besteigen möchte und dabei schwierige Witterungsverhältnisse und angstschaudernde Hindernisse kalkulieren muss.
Warum steigt jemand überhaupt auf einen Berg, wenn die Talgründe mit ihren frischen Flüssen und bequemen Anlagen den Menschen allerlei Vorzüge bieten? Der französische Bergsteiger Lionel Terray sprach von „Les Conquérants de l’inutile“, der Eroberung des Unnützen, und es könnte vom Standpunkt des unreflektierten Bürgers jeder Bergsteiger doch zu einem Teil ziemlich verrückt sein. Logisch ist es nach dem weltlichen Standpunkt, die Erde zu genießen und sich das Beste zu nehmen. Unlogisch müsste es dementsprechend sein, wenn sich jemand die Mühe auferlegt, die kleinen und großen Mysterien des Lebens zu erforschen und darin die Sinnfrage zu entdecken. Spirituelle Personen, vor allem jene, die etwas mehr Eifer an den Tag legen, erscheinen tatsächlich oftmals abnormal, verrückt oder mit ihrer Logik noch nicht ganz in der Welt angekommen.3) Der griechische Philosoph Platon beschreibt in seinem berühmten Höhlengleichnis (Politeia, Buch VII), wie Menschen Schatten an einer Höhlenwand für die Wirklichkeit halten. Erst der mühsame Aufstieg aus der Höhle führt bildhaft zur Erkenntnis der Wirklichkeit im klaren Licht der Sonne. Platon schildert weiterhin, dass dieser Mensch nach seiner Rückkehr bei den anderen Höhlenbewohnern auf Unverständnis stößt. Diejenigen, die weiterhin nur die Schatten kennen, halten ihn für verwirrt und gefährlich. Sie bedrohen ihn sogar mit dem Tod, da sie sich in ihrer Selbsttäuschung durch ihn gefährdet fühlen. Das Gleichnis beschreibt eindrucksvoll das Aufeinanderprallen der unterschiedlichen Welten von Sat und Asat. Während Platon den Weg als Gleichnis philosophisch beschreibt, versteht der Raja-Yoga ihn als bewussten Entwicklungsweg des Denkens, Fühlens und Handelns.

Selbsttäuschung als Ausdruck der Unlogik
Die Selbsttäuschung lebt fast automatisiert, wie eine mächtig zwingende Logik, wie ein immer lauernder, gähnender Zugriff der Welt, losgelöst von jeder phantasiereichen Erkenntnis. Die Selbsttäuschung kann ein Wohlgefühl darlegen und über allen Schmerz des Unwissens und den so überaus mächtigen Begehrensstrom hinwegtäuschen. Eine Logik braucht der Mensch, die er mit Schwert und Kanonen verteidigt, damit er möglichst nicht in eine Wirklichkeit von Satya eintreten muss.
Beispielsweise erweckt sich der natürliche Trieb mit dem zusammenfließenden Wasser im Munde, wenn die Hungergefühle aufsteigen und der Körper sein elementares Bedürfnis nach Essen anmeldet. Logisch ist es wohl, wenn dem Hungerbedürfnis nachgegeben wird und der Gaumen zufriedengestellt ist. Welche Symptome oder Hinweise zeigen sich, wenn die geistige Entwicklung in der schöpferischen Aktion des Selbstes und der Aufstieg nach einem höheren Sinn unterlassen bleiben? Entsteht dann ebenfalls Hunger? Die menschliche Natur spürt vorerst keinen Schmerz, wenn das mögliche und noch nicht ausreichend gedachte Ideal im Strome der Geschäftigkeit wie ein ferner Stern am Himmel hinweggleitet. Die Tage vergehen, die Jahre vermehren sich, die Haare zeigen graue Färbung und der Geist, der unbeachtet vor der Lebenstür steht und seine sonnenhafte Wirklichkeit anmelden möchte, bleibt ungehört und unbemerkt. Die Selbsttäuschung des Menschen ist ein wirklicher, immanenter, das heißt tief in das Wesen eingravierter Teil des Menschen. Auf Hunger und Durst wird sich jemand mit seinen natürlichen Empfindungen verlassen können und er kann rechtzeitig die Bedürfnisse zufriedenstellen. Die geistige Bedürftigkeit ist aber wie außerhalb des eigenen Zellsystems, sie regt sich nicht auf physische Weise, sie atmet nur in der Weltenschöpfung und in der äußerst stillen Hülle der Selbstwirklichkeit. Satya, die Entwicklung zu Idealen und höheren Bewusstseinsformen mit moralisch gediegenem Charakter, lebt deshalb in der Weltenschöpfung im Geiste und erreicht nur selten das menschliche Bewusstsein.
Der Mangel an Wahrheit bleibt oft unbemerkt
Im gleichen Sinne bemerkt die menschliche Natur sehr wenig, wenn beispielsweise ein Bewegungsmangel besteht. Erst nach einiger Zeit der Aktivierung von verschiedenen Bewegungen lässt sich der Mangel, den man im phlegmatischen Alltagsdasein erlebt, erfahren. Der Mensch besitzt einen Mangel an Satya, lebt in einer Selbsttäuschung und glaubt, dass er vielleicht ganz andere Mängel wie beispielsweise Zuneigungsmangel oder Gelddefizite habe. Die Wirklichkeit des Satya unterliegt der Täuschung durch die Unlogik und der Dominanz der körperlichen Umstände.
Satya im Alltag – Wahrheit zeigt sich im Handeln
Das Gegenteil von Satya ist Asatya, die Lüge, die ganz besonders in der Selbsttäuschung der Gefühle und den vielen emotionalen Illusionen vorkommt, die man sich gerne eigenmächtig durch religiöse Flucht oder besondere materialistische Sicherheiten erschafft. Eine Lüge sich selbst gegenüber ist es beispielsweise, wenn man weiß, man müsste bestimmte Entwicklungsschritte leisten, sich Pflichten größerer Art hingeben und Verantwortung über Gelerntes und noch zu Lernendes übernehmen, und man dennoch aus Bequemlichkeit oder Angst diesen lebensvollen Willensschritten ausweicht.
Häufig teilen Personen mit, sie hätten bestimmte Schritte mit Zielperspektiven im Leben erreichen wollen, seien aber gescheitert. Die äußeren Umstände seien zu schwierig und die Hindernisse zu groß gewesen, und deshalb habe sich Misserfolg eingestellt. Diese Aussage entspricht aber aus einer geistigen Sicht nicht der Wahrheit, vielmehr wurden bei diesen Menschen Reserven zurückgehalten und anderen Zielen wurde mehr die Aufmerksamkeit gegeben, sodass das vorgegebene Ziel nicht erreicht werden konnte. Wahr ist es tatsächlich in der Seele, dass der Mensch immer dasjenige Ziel erreicht, das er im tiefsten Innersten seiner Seele erstrebt. Für dieses innere Bedürfnis und Ziel lebt er, und es wird keine Macht in der Welt geben, die ihn von diesem Willen wegschmettern könnte.

Das Lebenswerk und die persönliche Entwicklung gehören zusammen. Aus seelisch-geistiger Sicht ist es nicht möglich, ein gutes Lebenswerk zu hinterlassen und gleichzeitig ein moralisch ungesitteter Mensch zu sein.
Zeichnung: Petra Himmel
Das Lebenswerk als Maßstab der Wahrhaftigkeit
Zwei große Umstände lassen sich mit Satya, der Wahrheit, äußerlich beobachten und relativ praktisch benennen. Das Lebenswerk, das ein Mensch errichtet, ist eine geschichtliche Tatsache. Es ist eine Leistung, die in die Weltenschöpfung hineingeht und die als solche eine Wahrheit darstellt. Die zweite Wirklichkeit, die ebenfalls im tiefsten Willen des Menschen verankert ist, liegt in der Art und Weise, wie er mit seinem Lebenswerk und mit all seinen Aufgaben, die er zu absolvieren vermochte, verbunden ist. Hat er ein Buch geschrieben und sein Werk durch eigene schöpferische Tätigkeit hervorgebracht oder konnte er es überwiegend nur mit künstlicher Intelligenz zusammenstellen?
Praktisch gesehen kann deshalb der Punkt „Satya“, die Wahrhaftigkeit, am Lebenswerk eine Maßeinheit gewinnen. Die Seele will ein Teil mit authentischer Beziehung zum Lebenswerk sein, und deshalb bildet diese Beziehung eine praktische Grundlage zu Satya. Jeder, der meditiert, kann deshalb die Erfolge der Meditation im Sinne von geistiger Erfahrung und Erkenntnissen werten und gleichzeitig seine weiteren Leistungen beobachten, die er gegenüber den Mitmenschen und der gesamten Weltenschöpfung entwickelt. Diese Form der Selbstbeschauung ist logisch, da sie die Entwicklung fördert und den Menschen im Herzen stärkt.

In den Teilen, in denen die Physiognomie wirklich ausgeprägt ist, ist der Mensch tatsächlich authentisch und wahr.
Zeichnung: Yva Ev
Die Evangelien über Wahrheit und Selbsttäuschung
Eine Evangelienstelle über die Selbsttäuschung und darüber, wie schnell sie sich in Religionen manifestiert, gewinnt in diesem Zusammenhang eine nennenswerte Bedeutung:
Nicht jeder, der zu mir sagt: „Herr, Herr!“ wird in das Reich der Himmel eingehen, sondern wer den Willen meines Vaters tut, der in den Himmeln ist. [Anmerkung: wer das Gesetz des Geistes beachtet] Viele werden an jenem Tage zu mir sagen: „Herr, Herr! Haben wir nicht durch deinen Namen geweissagt und durch deinen Namen Dämonen ausgetrieben und durch deinen Namen viele Wunderwerke getan?“ Und dann werde ich ihnen bekennen: „Ich habe euch niemals gekannt. Weicht von mir, ihr Übeltäter!
(Matthäus 7,21-23)4) Zitat nach der Elberfelder Bibel, Matthäus 7,21–23
Der Artikel beleuchtet folgende Fragen:
Was bedeutet Satya?
Satya bedeutet Wahrhaftigkeit oder Wahrheit und ist eines der fünf Yama des Raja-Yoga.
Was unterscheidet Wahrheit von Ehrlichkeit?
Ehrlichkeit betrifft vor allem das Verhalten gegenüber anderen Menschen. Satya schließt darüber hinaus die Wahrhaftigkeit gegenüber sich selbst ein.
Warum ist Selbsttäuschung ein Hindernis?
Wer sich selbst täuscht, erkennt die eigenen Entwicklungsmöglichkeiten nicht mehr klar und verliert den Bezug zur Realität wie auch zu seinen eignenen Idealen
Warum wird Satya mit einer Bergbesteigung verglichen?
Die Wahrheit verlangt Mut, Ausdauer und bewusste Anstrengung. Wie eine Bergbesteigung führt sie Schritt für Schritt zu einer größeren Übersicht.
Welche Rolle spielt Meditation?
Meditation unterstützt die Entwicklung von Wahrhaftigkeit, wenn sie mit praktischem Handeln und objektiver Realitätssicht verbunden wird.
Anmerkungen
| ⇑1 | Vgl. den rāja-Yoga nach Patañjali, Yogas-Sutra II, 30. Die Yamas bilden das erste Glied des achtfachen Yogaweges (aṣṭāṅga-yoga): Der Sanskrit-Text lautet: ahiṃsā-satya-asteya-brahmacarya-aparigrahāḥ yamāḥ |
|---|---|
| ⇑2 | Das Sankritwort satya bedeutet Wahrheit, Wahrhaftigkeit; es ist abgeleitet von sat („das Sein“, „die Wirklichkeit“). |
| ⇑3 | Der griechische Philosoph Platon beschreibt in seinem berühmten Höhlengleichnis (Politeia, Buch VII), wie Menschen Schatten an einer Höhlenwand für die Wirklichkeit halten. Erst der mühsame Aufstieg aus der Höhle führt bildhaft zur Erkenntnis der Wirklichkeit im klaren Licht der Sonne. Platon schildert weiterhin, dass dieser Mensch nach seiner Rückkehr bei den anderen Höhlenbewohnern auf Unverständnis stößt. Diejenigen, die weiterhin nur die Schatten kennen, halten ihn für verwirrt und gefährlich. Sie bedrohen ihn sogar mit dem Tod, da sie sich in ihrer Selbsttäuschung durch ihn gefährdet fühlen. Das Gleichnis beschreibt eindrucksvoll das Aufeinanderprallen der unterschiedlichen Welten von Sat und Asat. Während Platon den Weg als Gleichnis philosophisch beschreibt, versteht der Raja-Yoga ihn als bewussten Entwicklungsweg des Denkens, Fühlens und Handelns. |
| ⇑4 | Zitat nach der Elberfelder Bibel, Matthäus 7,21–23 |