Spiritualität im Koffer – die Auflösung des Rätsels

Kann Spiritualität besessen werden?

Spirituelle Erkenntnisse verlieren ihre Lebendigkeit, wenn sie lediglich gesammelt, konserviert und als persönlicher Besitz betrachtet werden. Wahre Spiritualität zeigt sich nicht im Haben von Wissen, sondern in dessen lebendiger Umsetzung und verantwortlichen Vermittlung.

Vor einigen Tagen wurde die Zeichnung eines verschlossenen Koffers veröffentlicht. Die Frage lautete, was sich in seinem Inneren befinde. Die Antwort lautet: keine sichtbaren Gegenstände, sondern geistige Inhalte, die der Mensch festhält, konserviert und schließlich wie einen persönlichen Besitz behandelt.

Artikel von Heinz Grill:

Wenn geistige Inhalte zum Besitz werden

Koffer als Symbol für die Konservierung und Vereinnahmung geistiger Inhalte
Wenn einmal das Wissen in den Koffer gepackt ist, muss er gut zugeschnürt werden und schließlich in Plastik eingeschweißt.

In diesem Koffer befinden sich keine sichtbaren Gegenstände, sondern geistige Inhalte, die der Mensch in seiner Konservierungsstrategie für sich und sein kompensatorisches Selbstbildnis einsperrt. Es ist eine der schlimmsten Untugenden, die es auf den spirituellen Wegen gibt, dass ehemalige gute geistige Inhalte durch den Menschen mumifiziert und für egoistische Zwecke zur Nutzbarkeit missbraucht werden. Dies geschah in der Zeitgeschichte sehr intensiv in der Kirche, die den Christus für sich beanspruchte, in der Anthroposophie, die Rudolf Steiner in den Koffer packt, und leider vielfach in den verschiedenen Yogawegen, deren Weisheiten sie durch Konservierungsstrategien für immer an die Materie fesseln.

Die Konservierungsstrategie im Spirituellen

Diese Erscheinung lebt leider sogar in der Sonnenoase. Nicht wenige Personen der immer wieder abwechselnd kommenden Referenten benützen den Ort vorwiegend für das eigene Wohlbefinden und den emotionalen Gewinn ausgerichtetes Erleben. Eine Zahl von Lehrern reist für das Wochenende an, unterrichtet die dort anwesenden Personen, Teilnehmer des Studiums, auszubildende Yogalehrer und mancherlei Patienten, die zur Genesung und Regeneration bestimmte Übungen absolvieren und einen geistigen Entwicklungsfortschritt wünschen. Bei etwas genauerem Blick aber treten viele der Referenten nicht in eine gute Vermittlungsarbeit zwischen der geistigen Quelle und den Teilnehmern. Sie befinden sich vielmehr im Besitz der Wahrheit und verlieren dadurch den Respekt vor den spirituellen Quellen. Das Wissen ist erworben, mehr oder weniger passiv akkumuliert und noch kein integrativer Anteil der Seele.1) Rudolf Steiner unterscheidet wiederholt zwischen einem bloß aufgenommenen Wissen und einer Erkenntnis, die zu einer lebendigen Fähigkeit des Menschen geworden ist. (Vgl. das Buch „Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten.“) Der Schatz im Herzen, der lebendig pulsieren müsste, gewinnt Enge, Starrheit und richtet sich sogar gegen die Entwicklung. Ab jenem Moment, ab dem eine größere Verantwortung von den Referenten gefordert wird, weichen sie dieser aus und bleiben in ihrem gelernten und halbfertigen Wissen sehr unverbindlich.

Es dürfte wohl eine der häufigsten Erscheinungen in Gruppen und in den verschiedensten Seminaren sein, seien sie anthroposophisch oder seien es Yogapraktizierende oder christliche Arbeitsgemeinschaften, dass ein vermeintliches Wissen zu einer ersatzweisen Persönlichkeitsidentifikation wird und dieses aber nicht lebendig, sondern intellektualisiert und adaptiert ist und Personen sich dadurch in den bequemen Zeitverhältnissen eine elitäre Stellung nehmen.

Die Gefahr spiritueller Identifikationen

Das Wissen wird in den Koffer gepackt, nur für eine auserwählte Gruppe tauglich gemacht; schließlich wird der Koffer umschnürt und zuletzt für längere Flugreisen sogar eingeschweißt, damit die Gedanken möglichst nicht in die freien Bezüge der Welt geraten können. Aus dieser Konservierungsstrategie entstehen oftmals missionarische Übergriffigkeiten, die sehr unangenehm anmuten und einem neu interessierten Teilnehmer regelrecht das spirituelle Interesse umwölken können.

Missionierung als Folge konservierten Wissens

Beide Erscheinungen, das Verpacken von Wissen und das missionarische Übergreifen und Eindringen in den Willen von anderen, sind Tendenzen, die sich gegenseitig steigern und den Menschen sowie die spirituell erworbene Lehre an die Materie ketten. Der Materialismus2) Materialismus bezeichnet hier nicht lediglich die Orientierung an materiellen Gütern, sondern die Bindung geistiger Inhalte an feste Besitz- und Identifikationsformen. trägt seine Wurzeln am tiefsten in diesen Verpackungstendenzen.

Die Sonnenoase als Ort lebendiger Entwicklung

Die Sonnenoase ist aber nicht ein Ort der Konservierungsstrategie oder eine Art Geistverwertungsagentur, sondern sie ist nach meinem Empfinden ein lebendiger Ort der Strebsamkeit, Lebendigkeit und Sorgfalt im Umgang mit geistigem Wissen und inspirierenden Quellen.

Spiritualität als Verbindung von Geist und Welt

Die kommende Zeit benötigt diese Authentizität im Spirituellen, denn wenn sie nicht erstrebt wird, kann sich kein Herzzentrum im einzelnen Menschen entfalten. Im Allgemeinen strebt die Spiritualität, wie sie von mir gelehrt wird, nach einer Synthese von Geist und Welt, oder, anders ausgedrückt, vom bisherigen Beruf, der noch einmal neu erfasst und mit geistigen Inhalten durchdrungen wird, zu einer sehr reifen und klar ausstrahlenden Persönlichkeitsstruktur. Spiritualität sollte hier nicht ein Lippenbekenntnis sein, ein schnellfertiges Credo oder ein äußerer Schmuck mit bestimmter Kleidung und ein paar nach außen demonstrierten Meditationsmimiken, es sollte die ganze Person eine gesteigerte Wahrnehmungsfähigkeit und Beziehungsfreude zu möglichen und gegebenen Werten haben. Sie sollte offen für Dialog und niemals einseitig fixiert auf konservierte Glaubensformen sein, und zuletzt muss der Mensch, der spirituell ist, durch sich selbst sein Zeugnis der Reinheit und Reife geben.

Wissen im Sein oder Wissen im Haben

Die Logik zeigt ebenfalls, wie gerade Spiritualität nicht in das eigene persönliche Leben konserviert werden darf, gleichsam wie Gegenstände in einem Koffer, denn sie muss in lebensvoller und vollreifer Bewusstheit in die klare Strebsamkeit finden. Ein Wissen im Sein schafft eine Brücke zu allen geistigen Quellen, während das konservierte Habenwissen die Quelle selbst verschattet und nicht nur dies, sondern sogar den Zugang zu anderen Geistquellen verhindert.

In der Zukunft werde ich in der Sonnenoase die Arbeit von mir selbst und jene, die andere leisten, sorgfältig voneinander trennen.

Der Artikel beleuchtet folgende Fragen:

Was bedeutet es, Spiritualität in einen „Koffer zu packen“?

Die Metapher beschreibt die Tendenz, geistige Erkenntnisse wie persönlichen Besitz zu behandeln, anstatt sie lebendig weiterzuentwickeln.

Warum kann spirituelles Wissen problematisch werden?

Wenn Wissen nur angesammelt wird, ohne innerlich verarbeitet und verwirklicht zu werden, kann es zu Starrheit, Überheblichkeit oder Gruppenidentifikation führen.

Worin besteht der Unterschied zwischen Wissen und Erkenntnis?

Wissen kann gespeichert werden. Erkenntnis entsteht durch eine lebendige Beziehung zu einer Wahrheit und verändert den Menschen selbst.

Welche Rolle spielt die Verantwortung im Spirituellen?

Spirituelle Entwicklung verlangt, Erkenntnisse in das praktische Leben zu integrieren und sie verantwortungsvoll weiterzugeben.

Person sitzt auf einem Stapel Bücher als Symbol für spirituelle Identifikation mit Wissen
Schüler, die durch Gruppenzugehörigkeit höher stehen als Rudolf Steiner, als Sivananda, als große Philosophen und es deshalb gar nicht notwendig haben, ihren eigenen Lehrer zu respektieren, sitzen, wie die folgende Zeichnung zeigt, beschwerend auf dem Wissen und werden es niemals in eine adäquate Vermittlung führen. Sie verwechseln Unlogik mit Logik, den physischen Leib mit dem Geiste.
Zeichnung: Anne-Michèle Hambye
Person vergräbt einen Schatz als Symbol für ungenutzte geistige Fähigkeiten
Die Evangelienstelle von den Talenten3) Die Evangelienstelle Matthäus 25,14–30 zeigt, wie die Konservierungsstrategie im Nachtodlichen die Macht der Unterlassung erzeugt.

Denn [es ist] wie [bei] einem Menschen, der außer Landes reiste, seine eigenen Knechte rief und ihnen seine Habe übergab: Und einem gab er fünf Talente, einem anderen zwei, einem anderen eins, einem jeden nach seiner eigenen Fähigkeit; und reiste außer Landes. Sogleich aber ging der, welcher die fünf Talente empfangen hatte, hin und handelte mit ihnen und gewann andere fünf Talente. So auch, der die zwei [empfangen hatte], auch er gewann andere zwei. Der aber das eine empfangen hatte, ging hin, grub [ein Loch] in die Erde und verbarg das Geld seines Herrn. Nach langer Zeit aber kommt der Herr jener Knechte und rechnet mit ihnen ab. Und es trat herbei, der die fünf Talente empfangen hatte, und brachte andere fünf Talente und sagte: Herr, fünf Talente hast du mir übergeben, siehe, andere fünf Talente habe ich dazugewonnen. Sein Herr sprach zu ihm: Recht so, du guter und treuer Knecht! Über weniges warst du treu, über vieles werde ich dich setzen; geh hinein in die Freude deines Herrn. Es trat aber auch herbei, der die zwei Talente [empfangen hatte], und sprach: Herr, zwei Talente hast du mir übergeben; siehe, andere zwei Talente habe ich dazugewonnen. Sein Herr sprach zu ihm: Recht so, du guter und treuer Knecht! Über weniges warst du treu, über vieles werde ich dich setzen; geh hinein in die Freude deines Herrn. Es trat aber auch herbei, der das eine Talent empfangen hatte, und sprach: Herr, ich kannte dich, dass du ein harter Mann bist; du erntest, wo du nicht gesät, und sammelst, wo du nicht ausgestreut hast; und ich fürchtete mich und ging hin und verbarg dein Talent in der Erde; siehe, da hast du das Deine. Sein Herr aber antwortete und sprach zu ihm: Böser und fauler Knecht! Du wusstest, dass ich ernte, wo ich nicht gesät, und sammle, wo ich nicht ausgestreut habe? So solltest du nun mein Geld den Wechslern gegeben haben, und wenn ich kam, hätte ich das Meine mit Zinsen erhalten. Nehmt ihm nun das Talent weg, und gebt es dem, der die zehn Talente hat! Denn jedem, der hat, wird gegeben und überreichlich gewährt werden; von dem aber, der nicht hat, von dem wird selbst, was er hat, weggenommen werden. Und den unnützen Knecht werft hinaus in die äußere Finsternis; da wird das Weinen und das Zähneknirschen sein.
zeigt, wie die Konservierungsstrategie im Nachtodlichen die Macht der Unterlassung erzeugt.
Zeichnung: Andrea Partheymüller
Brücke ohne Fundament als Symbol für die unzureichende Verbindung von geistiger Erkenntnis und praktischem Leben
Es wird wohl niemand eine Brücke mitten im Wasser bauen ohne die Uferhälften zu verbinden. Dieses Werk wäre unlogisch im Weltenzusammenhang. In der Spiritualität gibt es aber jene Kuriositäten, die tatsächlich wie eine Brücke im Wasser ohne Bedeutung sind.

Anmerkungen

Anmerkungen
1 Rudolf Steiner unterscheidet wiederholt zwischen einem bloß aufgenommenen Wissen und einer Erkenntnis, die zu einer lebendigen Fähigkeit des Menschen geworden ist. (Vgl. das Buch „Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten.“)
2 Materialismus bezeichnet hier nicht lediglich die Orientierung an materiellen Gütern, sondern die Bindung geistiger Inhalte an feste Besitz- und Identifikationsformen.
3 Die Evangelienstelle Matthäus 25,14–30 zeigt, wie die Konservierungsstrategie im Nachtodlichen die Macht der Unterlassung erzeugt.

Denn [es ist] wie [bei] einem Menschen, der außer Landes reiste, seine eigenen Knechte rief und ihnen seine Habe übergab: Und einem gab er fünf Talente, einem anderen zwei, einem anderen eins, einem jeden nach seiner eigenen Fähigkeit; und reiste außer Landes. Sogleich aber ging der, welcher die fünf Talente empfangen hatte, hin und handelte mit ihnen und gewann andere fünf Talente. So auch, der die zwei [empfangen hatte], auch er gewann andere zwei. Der aber das eine empfangen hatte, ging hin, grub [ein Loch] in die Erde und verbarg das Geld seines Herrn. Nach langer Zeit aber kommt der Herr jener Knechte und rechnet mit ihnen ab. Und es trat herbei, der die fünf Talente empfangen hatte, und brachte andere fünf Talente und sagte: Herr, fünf Talente hast du mir übergeben, siehe, andere fünf Talente habe ich dazugewonnen. Sein Herr sprach zu ihm: Recht so, du guter und treuer Knecht! Über weniges warst du treu, über vieles werde ich dich setzen; geh hinein in die Freude deines Herrn. Es trat aber auch herbei, der die zwei Talente [empfangen hatte], und sprach: Herr, zwei Talente hast du mir übergeben; siehe, andere zwei Talente habe ich dazugewonnen. Sein Herr sprach zu ihm: Recht so, du guter und treuer Knecht! Über weniges warst du treu, über vieles werde ich dich setzen; geh hinein in die Freude deines Herrn. Es trat aber auch herbei, der das eine Talent empfangen hatte, und sprach: Herr, ich kannte dich, dass du ein harter Mann bist; du erntest, wo du nicht gesät, und sammelst, wo du nicht ausgestreut hast; und ich fürchtete mich und ging hin und verbarg dein Talent in der Erde; siehe, da hast du das Deine. Sein Herr aber antwortete und sprach zu ihm: Böser und fauler Knecht! Du wusstest, dass ich ernte, wo ich nicht gesät, und sammle, wo ich nicht ausgestreut habe? So solltest du nun mein Geld den Wechslern gegeben haben, und wenn ich kam, hätte ich das Meine mit Zinsen erhalten. Nehmt ihm nun das Talent weg, und gebt es dem, der die zehn Talente hat! Denn jedem, der hat, wird gegeben und überreichlich gewährt werden; von dem aber, der nicht hat, von dem wird selbst, was er hat, weggenommen werden. Und den unnützen Knecht werft hinaus in die äußere Finsternis; da wird das Weinen und das Zähneknirschen sein.

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