Von Heinz Grill
Das anāhata-cakra oder die sogenannte zwölfblättrige Lotusblume am Herzen definiert sich vor allem durch das inhaltliche universell gültige Bewusstsein. Was ist ein Inhalt? Im allegorischen Vergleich bildet ein Glas die Äußerlichkeit und die Flüssigkeit, die sich in diesem befindet, den Inhalt. Im Menschen zeigt die äußere Statur in ihrer sinnlichen Erscheinung die Körperwelt, während das unsichtbare und entwickelte Bewusstsein des Menschen die Seele darstellt und gewissermaßen den Inhalt des Lebens repräsentiert. Grundsätzlich aber ist alles inhaltliche oder seelische Dasein der menschlichen Natur vom Geiste kommend und besitzt eine außerirdische Existenz.
Je mehr nun das inhaltliche seelische Leben des Menschen eine universale Gültigkeit einnimmt, desto mehr bildet sich das Herzzentrum als eine seelische Qualität im Menschen aus. Eine universale Wirklichkeit gewinnt über dieses Chakra, das in der Mitte des Brustkorbes liegt, eine individuelle Position, die jedoch nicht einen Teil der für sich steht äußert, sondern ein universales Ganzes zur Manifestation führt. Im Herzzentrum, wenn es tatsächlich entwickelt ist, nimmt der Mensch seine eigene individuelle Natur im besten Sinne eines größeren Ganzen wahr.
Diese Logik, wie das universale oder geistige Dasein mit dem irdischen individuellen Leben zusammenwirkt, ist dem Menschen immanent. Aus diesem Grunde darf die Logik, die das menschliche Dasein hervorbringt, nicht zu sehr formal und teilbegrenzt sein. Nun kann es sein, dass jemand in der spirituellen Entwicklung nicht von dieser grundsätzlichen logischen Ordnung ausgeht, sondern sich auf eine die Ganzheit ausschließende materielle Ebene mit Schlussfolgerungen begibt, also beispielsweise sagt: „Die Meditationsinhalte behagen mir, sie sind mir sympathisch, und deshalb nehme ich sie für mein persönliches Gefühl in Anspruch.“ Diese und ähnliche Formulierungen existieren in vielen esoterischen Gruppen oder religiösen Zusammenkünften. Sie beschreiben eine Form des Konsums, die nun nicht auf Nahrung oder materielle Güter bezogen ist, sondern auf geistige Inhalte. Es lebt nicht die primäre Auseinandersetzung und Hinwendung zu geistigen Inhalten, sondern deren persönliche Inanspruchnahme, die ein Schattengespenst erzeugt, den geistigen Inhalt aus der ursprünglichen Lebendigkeit enthebt und im Leibesinneren erstickt.
Sowohl das Haupt als auch die Brustmitte nehmen durch eine konsumorientierte Spiritualität eine Schattengestalt an, die den Menschen vor dem Kosmos und vor intensiverer Beziehungsaufnahme zu den Mitmenschen abschirmt. Es fehlen das Opfer der Auseinandersetzung, sowie der lebendige Geist des sogenannten bhakti, der Hinwendung und Hingabe. Niemals kann eine Meditation Früchte tragen, wenn das menschliche Bewusstsein die Logik der Entwicklung im Umgang mit spirituellen Inhalten verändert. Spirituelle Gedanken können tatsächlich nicht wie ein Kochrezept verwendet werden.
Rudolf Steiner misst der Logik als erstem Punkt zur Entfaltung des Herzzentrums einen besonders wichtigen und hohen Stellenwert bei. Welche Logik ist jedoch gemeint? Ist es nur die formale Logik, die eine weltliche Position mit einer anderen vergleicht, oder ist es die symbolische Logik der Mathematik? Sehr wenig führt Rudolf Steiner die Gedanken zur Logik aus, sodass der Leser sehr leicht die inhaltliche Auseinandersetzung und logische Betrachtung der Gesetze der geistigen Welt mit einer sehr formal bedingten und nur die materiellen Umstände berücksichtigenden Logik verwechselt.1) In der Schrift: „Wie erlangt man Erkenntnisse höherer Welten“ von Rudolf Steiner liest man:
„So wie die sechzehnblättrige Lotusblume durch wahre, bedeutungsvolle Gedanken zur Entwicklung kommt, so die zwölfblättrige durch innere Beherrschung des Gedankenverlaufes. Irrlichtelierende Gedanken, die nicht in sinngemäßer, logischer Weise, sondern rein zufällig aneinandergefügt sind, verderben die Form dieser Lotusblume.“
Die Gedanken müssen wahr und der Signatur oder dem Thema entsprechend sein und nicht nur so bleiben, sondern weiter in die Verwirklichung, in die Formulierung, in die Konsequenz und praktische soziale Gestaltung kommen. Wenn man bei Rudolf Steiner nun weiterliest und diesen Zusammenhang des wahren Gedankens, das heißt auch des wahren Inhalts nicht beachtet, können die nächsten Sätze verführerisch sein:
„Je mehr ein Gedanke aus dem anderen folgt, je mehr allem Unlogischen aus dem Wege gegangen wird, desto mehr erhält dieses Sinnesorgan die ihm entsprechende Form.“
Es ist deshalb zu beachten, dass der wahre Gedanke und der Inhalt, den der Mensch auf wahre und universale Weise pflegt, im Mittelpunkt der gesamten Entwicklung stehen und erst aus diesem heraus sich der Herzlotus entwickelt.

Zunächst erscheint es vollkommen widersprüchlich und unlogisch, wenn ein spirituell Suchender eine Meditation mit körperfreiem Bewusstsein praktizieren möchte und gleichzeitig in seiner Übungspraxis die Körperübungen, die sogenannten Asanas, tätigt. Ja, zunächst ist diese Vorstellung erst einmal unlogisch. Befasst sich aber der spirituell Übende mehr mit der inhaltlichen Auseinandersetzung und lernt er, diese auf seine Übungspraxis mit dem Körper zu übertragen, so entwickelt er ein höheres Maß an Körperfreiheit. Er praktiziert mit dem Körper und befreit sein Bewusstsein gleichzeitig von aller Schwere und physischer Eingebundenheit.


G. F. Hegel2) Georg Friedrich Hegel, Grundlinien der Philosophie des Rechts, Suhrkamp, Frankfurt am Main 1972, S. 14.
Die Eule ist zum Großteil negativ assoziiert, denn sie ist ein Nachtvogel. Sie bringt die Gedanken auf den Plan, aber diese Gedanken sind bereits Teil der Geschichte geworden. Sie wiederholt gewissermaßen die Geschichte. So ist ihre Weisheit nicht eine offenbarende Weisheit, sondern eine Wiederholung von bisherigen Formen, die als Weisheit das Leben begleiten.

Beide Zeichnungen: Yva Ev

Zeichnung: Anne-Michèle Hambye
Die Logik der Körperfreiheit ist nicht direkt von der Tätigkeit mit dem Körper abhängig. Je mehr der spirituelle Praktikant ein Bewusstsein über die Führung des Körpers und aller materiellen Umstände durch eine klare inhaltliche Auseinandersetzung lernt, desto freier wird er von der Physis. Der Körper transformiert sich. Das Üben gewinnt eine Logik für die gesamte Entwicklung und für die Meditationsarbeit, und diese wird sogar zur Gabe an die Weltschöpfung.
Die Logik entwickelt sich aus einer möglichst fundierten inhaltlichen Auseinandersetzung, und sie wird nicht nur formal, sondern integral.
Anmerkungen
| ⇑1 | In der Schrift: „Wie erlangt man Erkenntnisse höherer Welten“ von Rudolf Steiner liest man: „So wie die sechzehnblättrige Lotusblume durch wahre, bedeutungsvolle Gedanken zur Entwicklung kommt, so die zwölfblättrige durch innere Beherrschung des Gedankenverlaufes. Irrlichtelierende Gedanken, die nicht in sinngemäßer, logischer Weise, sondern rein zufällig aneinandergefügt sind, verderben die Form dieser Lotusblume.“ Die Gedanken müssen wahr und der Signatur oder dem Thema entsprechend sein und nicht nur so bleiben, sondern weiter in die Verwirklichung, in die Formulierung, in die Konsequenz und praktische soziale Gestaltung kommen. Wenn man bei Rudolf Steiner nun weiterliest und diesen Zusammenhang des wahren Gedankens, das heißt auch des wahren Inhalts nicht beachtet, können die nächsten Sätze verführerisch sein: Es ist deshalb zu beachten, dass der wahre Gedanke und der Inhalt, den der Mensch auf wahre und universale Weise pflegt, im Mittelpunkt der gesamten Entwicklung stehen und erst aus diesem heraus sich der Herzlotus entwickelt. |
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| ⇑2 | Georg Friedrich Hegel, Grundlinien der Philosophie des Rechts, Suhrkamp, Frankfurt am Main 1972, S. 14. |
| ⇑3 | In älteren Zeiten, von denen die Bhagavad Gītā ihre Inspirationen empfing, gab es die Samkhya-Lehre, die von tamas, rajas und sattva, den drei Seinsprinzipien des Menschseins und der Natur, erzählt. Eine logische Gesamtbetrachtung würde dem reinen lichten Prinzip des sattva entsprechen, während teillogische Erklärungen und sehr eigenbezogene Handlungsinitiativen mit den Begriffen rajas, der Unruhe, und schließlich mit tamas, der Ignoranz, bewertet werden. Sattva, das reine Prinzip, wird als Voraussetzung zur Entwicklung konstatiert. |
| ⇑4 | Der Begriff ajñāna-sambhutam in der Bhagavad Gītā (im Vers 42, Kap. 4) beschreibt das Wesen des tamas, das im Herzen sitzt oder das Herz verschattet. Die frühere Wesenssicht erlebte lebendig das Schattengespenst, das durch ajñāna, oder anders ausgedrückt, Unlogik, Nichtwissen und Ignoranz gegenüber dem Geiste entsteht. |
| ⇑5 | Während Aristoteles in der griechischen Philosophie die Logik begründete, entsprang der orientalischen religiösen Ausrichtung der Begriff nyaya, der Logik bedeutet. Schulen gingen als Nyaya-Schulen sowohl aus dem Hinduismus als auch aus dem Buddhismus hervor. |