Die Kulthandlung und ihre Metamorphose –
Der Umgekehrte Kultus

Von Heinz Grill

Die klassischen Kulthandlungen existieren weitverbreitet in den verschiedenen religiösen Zeremonien, beispielsweise in der Eucharistiefeier der katholischen Kirche. In der Epiklese wird durch die Versammlung der Gemeinde und die Weihehandlung des Priesters der sogenannte heilige Geist in die Hostie berufen und diese wird an die Mitglieder der Kirche verteilt.

Die gewöhnlichen Kulthandlungen sollen eine geistige Wirklichkeit in die irdische hereinführen und eine heilige Atmosphäre verströmen. Die Erfahrungen aber zeigen, gleich ob sie in den Feuerritualen des Yoga, der puja, oder im christlichen Kontext stattfinden, dass sie sehr wenig reinigende Kraft und spirituelle Anregung entfachen können. Die Macht, Geistiges in die Erde zu berufen, war in früheren Zeiten größer, da die Menschen damals eine wesenhafte Sicht zu den kosmischen Kräften erlebten und diese deshalb besser rituell dirigieren konnten. Mit dem Verlust der geistigen Hellsichtigkeit entschwand die zeremonielle Kraft der traditionellen Riten.

In der spirituellen Hochschule von Naone gibt es keine Zeremonien, keine Verehrungsrituale, keine Kulthandlungen und keine Anbetungen wie Verneigungen oder gemeinsame Bittgebete. Vielmehr existiert in den Lehrveranstaltungen die ganz natürliche Grundlage des von Rudolf Steiner so genannten „Umgekehrten Kultus“.1) Rudolf Steiner spricht vom Umgekehrten Kultus in seinem Vortrag zur Gemeinschaftsbildung vom 3. März 1923 in Dornach: „Ist es denn Wahrheit, wenn wir von der übersinnlichen Welt reden und nicht imstande sind, uns aufzuschwingen zum Erfassen solcher realen Geistigkeit, solches umgekehrten Kultus? Erst dann stehen wir wirklich im Ergreifen, im Erfassen des Spirituellen drinnen, wenn wir nicht nur die Idee dieses Spirituellen abstrakt haben und etwa sie theoretisch wiedergeben können, auch für uns selbst theoretisch wiedergeben können, sondern wenn wir glauben können – aber glauben auf Grundlage eines beweisenden Glaubens – , daß Geister im geistigen Erfassen geistige Gemeinschaft mit uns haben. Sie können nicht durch äußere Einrichtungen die anthroposophische Gemeinschaftsbildung hervorrufen. Sie müssen sie hervorrufen aus den tiefsten Quellen des menschlichen Bewußtseins selbst.“ (GA 257 S. 120) Während die Zeremonie den Geist von oben nach unten berufen möchte, kann eine bewusste Arbeit mit inhaltlicher Erkenntnisforschung die geistige Wirklichkeit wahrnehmen und sie gewissermaßen von unten nach oben manifestieren. Hierzu braucht es keinen Priester, der eine Weihehandlung führt, sondern es braucht Menschen, die sich gemeinsam orientieren und sich forschend eine Erkenntnis zur Bearbeitung und Auseinandersetzung vornehmen.

Dennoch aber bleibt dieser Umgekehrte Kultus für den modernen intellektuellen Menschen eine Art Mysterium, denn sein Erfolg setzt eine innigliche Haltung voraus und bedarf einer Handlung der Selbstüberwindung durch das sogenannte Selbst, „saṁstabhyā ‚tmānam ātmanā“ (Bhagavad-Gītā Kap. 3 Vers 43) und einer Kenntnis sowie Erkenntnis zu dem wesenhaften und so bedeutungsvollen Wirkungskreislauf des Opfers.2) Über das Opfer spricht die Bhagavad-Gītā im Kapitel 3 Vers 12:

iṣṭān bhogānhi vo devā dāsyante yajñabhāvitāḥ
tairdattānapradāyaibhyo yo bhuṅkte stena eva saḥ


Huldvoll gestimmt durch das Opfer, werden die Götter euch ersehnte Freuden gewähren. Wer die Freuden, die sie verleihen, genießt, ihnen jedoch nichts gegeben hat, ist ein Dieb. (Aus: Erkenntnisgrundlagen zur Bhagavad-Gita, 2024, Stephan Wunderlich Verlag, S. 156)

Eine praktische Meditationsarbeit in gemeinsamer Ausrichtung, die verbunden ist mit dem Geist des bhakti – das ist der Geist der Hinwendung an inhaltliche Gedanken – ist hierfür grundlegend. Würde man nur die Aussagen eines Lehrers nehmen und diese intellektuell akkumulieren, ein Umstand, der leider in vielen Zweigen der Spiritualität sehr häufig ist, so kann kein bhakti, keine wirkliche liebende Verehrung mit der Kraft der geistigen Versöhnung eintreten.3) Zur Rolle des bhakti in der Erkenntnisforschung siehe auch den Artikel: Vorsicht Sekte – Teil 3 vom 23.09.2025 Will jemand eine Aussage erkenntnismäßig erfassen, muss er lernen, sich intensiv an den Autor, der die Worte geprägt hat, hinzuwenden. Die Hinwendung geschieht deshalb in zweierlei Form: Sie ist an den Autor oder Lehrer gerichtet und des Weiteren an seine Worte. Wer Goethe verstehen möchte, kann nicht nur seine Gedichte auswendig lernen, er muss sich an Goethe hinwenden, ihn geistig erfassen, ihn im Sinne von bhakti, liebender Verehrung, erleben, um in seine Worte von innen heraus einzudringen. Durch diese tiefe Hinwendungsarbeit an den Menschen, seine geistige Urheberkraft und an die Worte kehrt sich der Kult sinnvollerweise in ein konstruktives Geistverströmen und Geisterkraften um.

Sowohl die einzelne Persönlichkeit kann im flammenden Einsatz ihrer Kräfte die Wahrheiten aus den geistig geprägten Aussagen erfassen, erleben und dem Geist entgegenbringen, als auch eine ganze Gruppe kann sich darin üben, wie sie eine Erkenntnis nicht nur nutzvoll für sich anwendet, sondern sie zu Ätherkräften verlebendigt und schließlich der Weltschöpfung entgegenbringt.

Der Umgekehrte Kultus wird auf ganz natürliche Weise in der Geistschulung durch Personen, die sich in einer ersten Hellsichtigkeit geübt haben, praktiziert. Die Erfolge der gemeinsamen Erkenntnisarbeiten und bewussten Hinwendung zu Inhalten wie auch zu den Schöpfern des Geistes, schenken eine sehr reinigende Sphäre mit heilsamem Charakter. Viele Menschen konnten auf diese Weise bereits eine wesentliche Erkraftung in ihrer Gesundheit erleben und eine entwicklungsfreudige Lebensperspektive entdecken. Die meteorologische Wetteratmosphäre gewinnt darüber hinaus eine spürbare Veredelung.

Leider wird diese Arbeit von anthroposophischer Seite sehr verächtlich bezeichnet und beständig erleben viele Personen, die sich daran beteiligen, unsolide Kritik. Beispielsweise sei die Bezeichnung „Umgekehrter Kultus“ den Anthroposophen vorbehalten, und weiterhin sei ohnehin der Yoga antichristlich und anachronistisch. Was ist aber ein wirklicher Yoga? Yoga besteht aus drei wesentlichen Gliedern: Es ist der jñana-yoga, die nach Erkenntnis forschende und strebende Disziplin; dann ist es der bhakti-yoga, die Hinwendung an große Persönlichkeiten und die Wahrnehmung ihres Seins und ihres Verhältnisses zur geistigen Welt in konzentrierter Meditationsarbeit. bhakti-yoga schließt Materialismus aus und ist keinesfalls mit Unterwürfigkeit zu verwechseln. Wer ein Evangelium oder eine Bhagavad-Gītā erforschen möchte oder wer Rudolf Steiner tiefgreifend in die Erfahrung zu bringen sucht, braucht den Geist des bhakti und muss seinen Willen aus allem intellektualistischen Wissen aufrichten und eine Wahrheit, die in der Weltenschöpfung besteht, erforschen. Schließlich ist die dritte Disziplin des Yoga der sogenannte karma-yoga oder allgemein der Yoga der Tat, der eine Idee, die ausreichend erfasst ist, in die solide, logische Vorstellung führt und sie schließlich in ausdauernder Mühe in die Sozialfähigkeit des Lebens praktisch einarbeitet.

Die verschiedenen Atemprozesse, Körperdisziplinierungen und Seelenübungen, die in der Sonnenoase im Yoga praktiziert werden, dienen der Erkenntnisforschung, der Entwicklung größerer Konzentration und Hingabefähigkeit und schließlich der praktischen künstlerischen Ausdrucksfähigkeit. Darüber hinaus aber stellen sie eine Disziplin dar, die das Persönliche übersteigt und eine Annäherung an eine geistig-spirituelle Atmosphäre gibt. Sie sind durch ihre thematisch-spirituelle Ausrichtung ein Teil des Umgekehrten Kultus. Sie erscheinen jedoch, da sie inhaltliche, logische und sachliche Bezüge aufweisen, nicht offensichtlich im Sinne von Kulthandlungen.

Schlehenplatz in Naone –
Dieses Foto entstand nach Beendigung eines Seminars.
Die Atmosphäre verdeutlichte ein lebendiges Lichtspiel und die sogenannte Elementargeistigkeit der Natur gewann sichtbare, befreiende Freude.
Foto: Ulrike Sinzinger
Die asana ist eine Opferleistung, die dem Geist entgegengebracht wird. Jedoch muss der Übende ein Verständnis erringen, wie er sich von persönlichem Interesse und Gewinnabsichten energetischer oder physischer Art befreit und die Übung in Hingabe einem höheren Zweck entgegenbringt.

Anmerkungen

Anmerkungen
1 Rudolf Steiner spricht vom Umgekehrten Kultus in seinem Vortrag zur Gemeinschaftsbildung vom 3. März 1923 in Dornach: „Ist es denn Wahrheit, wenn wir von der übersinnlichen Welt reden und nicht imstande sind, uns aufzuschwingen zum Erfassen solcher realen Geistigkeit, solches umgekehrten Kultus? Erst dann stehen wir wirklich im Ergreifen, im Erfassen des Spirituellen drinnen, wenn wir nicht nur die Idee dieses Spirituellen abstrakt haben und etwa sie theoretisch wiedergeben können, auch für uns selbst theoretisch wiedergeben können, sondern wenn wir glauben können – aber glauben auf Grundlage eines beweisenden Glaubens – , daß Geister im geistigen Erfassen geistige Gemeinschaft mit uns haben. Sie können nicht durch äußere Einrichtungen die anthroposophische Gemeinschaftsbildung hervorrufen. Sie müssen sie hervorrufen aus den tiefsten Quellen des menschlichen Bewußtseins selbst.“ (GA 257 S. 120)
2 Über das Opfer spricht die Bhagavad-Gītā im Kapitel 3 Vers 12:

iṣṭān bhogānhi vo devā dāsyante yajñabhāvitāḥ
tairdattānapradāyaibhyo yo bhuṅkte stena eva saḥ

Huldvoll gestimmt durch das Opfer, werden die Götter euch ersehnte Freuden gewähren. Wer die Freuden, die sie verleihen, genießt, ihnen jedoch nichts gegeben hat, ist ein Dieb. (Aus: Erkenntnisgrundlagen zur Bhagavad-Gita, 2024, Stephan Wunderlich Verlag, S. 156)

3 Zur Rolle des bhakti in der Erkenntnisforschung siehe auch den Artikel: Vorsicht Sekte – Teil 3 vom 23.09.2025

8 Replies to “Die Kulthandlung und ihre Metamorphose –
Der Umgekehrte Kultus”

  1. Ich arbeite auf einem Demeter-Hof. Wir bereiten Präparate nach den Angaben von Rudolf Steiner zu und wir bereiten Humus. Wir wenden uns dabei liebevoll an die Elementargeister, gehen um die Felder mit kleinen Zymbeln und rezitieren Sprüche von Rudolf Steiner und anderen Kennern der Elementarwelt. Die Sprüche und unsere liebevolle Hinwendung an die Elementargeister werden je nach unserer Haltung von ihnen beantwortet. Sie kommen uns entgegen und fühlen sich angezogen. Ich empfinde diese Handlungen wie kleine Kulthandlungen und möchte sie nicht missen. Ich glaube, sie tragen viel zur Qualität unserer Produkte bei.

  2. Schon vor mehr als 100 Jahren wies Rudolf Steiner darauf hin, dass der religiöse Kultus nur für einige Menschen noch von Bedeutung sein könne, die den von ihm für die Zukunft für nötig erachteten geistigen Schulungs- und Erkenntnisweg noch nicht gehen konnten (1). Er stellte sogar klar, dass die eigentliche anthroposophische Bewegung mit der von Friedrich Rittelmeyer gegründeten Bewegung für religiöse Erneuerung nichts zu tun haben dürfe (2).

    Rudolf Steiner erklärte weiter, dass der Mensch durch den umgekehrten Kultus lernen müsse, geistige Inhalte so zum Ausdruck zu bringen, dass „wir tatsächlich imstande sind, durch die lebendige Kraft, die wir hineinlegen in die Gestaltung der Ideen vom Geistigen, etwas von einem Erweckenden zu erleben, etwas von dem, was nicht bloß das sinnlich Erlebte so idealisiert, dass das Ideal ein abstrakter Gedanke ist, sondern so, dass das Ideal ein höheres Leben gewinnt, indem wir uns in es hineinleben, dass es das Gegenbild des Kultus wird, nämlich das Sinnliche ins Übersinnliche hinauferhoben.“(3)

    Bedenkt man dies, so lässt sich das Anliegen von Heinz Grill, wie es hier dargestellt wird, sicherlich auch aus dieser Perspektive gut verstehen. Es geht nicht darum, alte kultisch-rituelle Wege schlecht zu machen, sondern vielmehr darum, ihre Relativität für den heutigen Menschen sichtbar zu machen. Zudem sollen die geistigen Entwicklungspotentiale des Menschen aufgezeigt werden. Diese bestehen darin, sich durch eine aktive Ausrichtung auf geistige Inhalte und Ideale – wie sie von Heinz Grill beschrieben werden – so mit jenen in Beziehung zu setzen, dass sie im Menschen selbst lebendig werden und letztlich zum Wohle der Menschheitsentwicklung in die Entfaltung gebracht werden können.

    Schließlich sprach Rudolf Steiner davon, dass das Spirituelle keine Wahrheit sein könne, wenn es nur auf abstrakte Weise unter uns Menschen lebt. Vielmehr müssen wir imstande sein „ uns aufzuschwingen zum Erfassen solcher realen Geistigkeit, solches umgekehrten Kultus.“(4)

    In diesem Sinne wäre die Praxis eines kirchlichen Kultus sicher keinesfalls problematisch, wenn sie den Menschen nicht dazu verleiten würde, der notwendigen, mühevollen Arbeit des umgekehrten Kultus auszuweichen. Dabei dürften Menschen, wie etwa Heinz Grill, die das Anliegen des umgekehrten Kultus lehren – wie es Steiner für den modernen Menschen für dringend notwendig erachtete – nicht schlecht gemacht werden.

    Schließlich wies schon Rudolf Steiner darauf hin, dass der religiöse Kultus eine Gefahr für das Geistesstreben des modernen Menschen darstellen könne, wenn er sich an die Stelle des notwendigen geistigen Schulungs- und Erkenntnisweges setze. Diese Gefahr wurde bereits von Friedrich Rittelmeyer, dem Gründer der Christengemeinschaft, vor mehr als 100 Jahren formuliert. Er sagte: „Von dieser Seite der Gemeinschaftsbildung erwächst vielleicht eine der größten Gefahren für die anthroposophische Bewegung von Seiten der Bewegung für religiöse Erneuerung her.(5)“ Deshalb forderte Steiner die damalige anthroposophische Bewegung auf, das für sie passende Mittel des umgekehrten Kultus zu finden, um nicht von der Bewegung für religiöse Erneuerung gefährdet zu werden.(6)

    Fußnoten:

    1:„Nebenher, so meinte ich dazumal, könne eine solche Bewegung für religiöse Erneuerung gehen, die ganz selbstverständlich für diejenigen, die in die Anthroposophie hinein den Weg finden, keine Bedeutung hat, sondern für diejenigen, die ihn zunächst nicht finden können.“…….“Für diese anthroposophische Bewegung ist, wenn nur dieser Weg richtig verstanden wird, kein anderer notwendig. Die Notwendigkeit eines andern Weges ergibt sich für diejenigen Menschen, welche diesen Weg unmittelbar nicht gehen können, welche durch Gemeindebilden, im Zusammenarbeiten innerhalb der Gemeinde, einen andern Weg gehen müssen, der, ich möchte sagen, mit dem anthroposophischen erst später zusammenführt.“ (Rudolf Steiner; Das Verhältnis der Sternenwelt zum Menschen und des Menschen zur Sternenwelt Die geistige Kommunion der Menschheit Elfter Vortrag Dornach, 30. Dezember 1922)

    2:“Das, was ich diesen Persönlichkeiten (Anmerkung: gemeint sind hier die Begründer der „Bewegung für Religiöse Erneuerung“, heute auch „Christengemeinschaft“ genannt) gegeben habe, hat nichts zu tun mit der anthroposophischen Bewegung. Ich habe es ihnen als Privatmann gegeben, und habe es so gegeben, dass ich mit notwendiger Dezidiertheit betont habe, dass die anthroposophische Bewegung mit dieser Bewegung für religiöse Erneuerung nichts zu tun haben darf;“(Quelle: wie in Fußnote 1)

    3: Anthroposophische Gemeinschaftsbildung, Zehn Vorträge, gehalten zwischen dem 23. Januar und dem 4. März 1923, 6.Vortrag, Stuttgart, 27. Februar 1923

    4: „Ist es denn Wahrheit, wenn wir von der übersinnlichen Welt reden und nicht imstande sind, uns aufzuschwingen zum Erfassen solcher realen Geistigkeit, solches umgekehrten Kultus? Erst dann stehen wir wirklich im Ergreifen, im Erfassen des Spirituellen drinnen, wenn wir nicht nur die Idee dieses Spirituellen abstrakt haben und etwa sie theoretisch wiedergeben können, auch für uns selbst theoretisch wiedergeben können, sondern wenn wir glauben können – aber glauben auf Grundlage eines beweisenden Glaubens – , dass Geister im geistigen Erfassen geistige Gemeinschaft mit uns haben.“ (Quelle: wie in Fußnote 3)

    5:(Quelle wie in Fußnote 3)

    6:„Da aber auch die Anthroposophische Gesellschaft nach Gemeinschaftsbildung hintendiert, so wird sie finden müssen das für sie geartete Mittel, wenn ihr nicht von der Bewegung für religiöse Erneuerung eine gewisse Gefahr drohen soll.“ (Quelle: wie in Fußnote 3)

  3. Ich kenne die anthroposophische Christengemeinschaft, ich kenne Rituale, ich kenne auch den Ansatz von Heinz Grill. Mir ist es verständlich, warum Heinz Grill keine Rituale macht und warum er kritisch gegenüber allen Riten steht. Von der fachlichen Seite möchte ich anmerken, dass ich niemals durch einen Ritus die Freisetzung des Ätherischen Christus kennengelernt habe, niemals! Aber durch Heinz Grill habe ich das unmittelbar erlebt, er weiss von was er spricht. Ich denke nicht, dass Heinz Grill die Riten grundsätzlich abwerten möchte, aber gibt ihnen für die spirituelle Entwicklung des Einzelindividuums keine so große Bedeutung.
    Die Diskussion wäre aber weiter interessant, denn sie sollte vielleicht eine grundsätzliche Aufklärung geben, was der Kult von unten und was der Kult von oben ist.

  4. Könnten die beiden beschriebenen Kultformen tatsächlich zusammengeführt werden, frage ich mich? Ich denke ja, wenn jede der beiden Formen vom Menschen auf ihrem richtigen Platz gesehen und eingeordnet wird.

    Es ist sicherlich für viele Menschen für die Kulthandlung hilfreich, wenn die äußeren Umstände besonders gerichtet sind, denn diese schaffen eine gewisse Atmosphäre, die für das Gebet, die Andacht oder eine Meditiaiton hilfreich sein kann und die Ausrichtung zum Kultus erleichtern können. Das kann z.B. der besonders eingerichtete Raum (Tempel, Kirche, Meditationsraum) sein oder Symbole wie das Kreuz, eine Krishna- oder Buddhafigur, Bilder von Heiligen. Andere Menschen gehen vielleicht, um den Abstand zum Alltäglichen zu gewinnen, in den Wald oder sie steigen auf einen Berggipfel und bereiten sich so auf die konzentrierte Aktivität zum Kultus vor. Ich denke, diese umrahmenden Maßnahmen kann der Einzelne bei Bedarf für sich wählen.

    Der zweite Teil, der zum Gelingen des Kultus notwendig ist, ist das Opfer. Das Opfer ist für die Transsubstantion essentiell. Wir kennen aus vielen historischen Berichten, wie groß der Wert und damit die Bedeutung des Opfers, (Tieropfer, Erntegaben o.ä.), gewertet wurde. Die Opfergaben haben sich im Laufe der Zeit verändert und erweitert. In unserer Zeit ist das Opfer für die Verwandlung vielmehr, die gewohnten Denkstrukturen oder bisherigen Ansichten und Erwartungen loszulassen.

    Der dritte Teil des Kultus ist die Selbstaktivtät zu einem übergeordneten Inhalt, der in die Konzentration genommen wird. Der Mut zum Loslassen der bisherigen Vorstellungen, die Entscheidung zu einem übergeordneten Inhalt und die ausdauernde Gegenwärtigkeit zu diesen Gedanken sind notwendig, damit im Laufe der Konzentration der Gedanke lebendig wird; man kann auch sagen, dass der Gedanke neu aufersteht und neu erkraftet.

    Diese Selbstaktivität und die oben erwähnte Opferleistung muß jeder Teilnehmer am Kultus erbringen. Kein Priester und auch keine Gemeinschaft kann die Selbstaktivität des einzelnen Menschen ersetzen.

    In diesem Sinne ist es, wie ich bereits am Anfang erwähnte, die Anforderung, die richtige Ordnung in der Kulthandlung herzustellen, damit eine Neuerkraftung für die geistigen Welten und darauf folgend eine Verwandlung der irdischen Bedingungen entstehen kann. Ist diese Ordnung gewährleistet, kann jeder Einzelne auch in einer Gemeinschaft einen Beitrag zum Kultus geben.

  5. Hat nicht beides seine Berechtigung? Der gewöhnliche und der umgekehrte Kult?
    Wenn wir beide Dreiecke zusammensetzen, dann bekommen wir den Davidstern.
    Dieser ist für mich ein Symbol für den Stern von Bethlehem. Der Stern von Bethlehem ist kein Stern im Außen, kein Stern am Firmament vor 2000 Jahren. Wir finden ihn deshalb auch nicht bei Herodes, sondern nur im Inneren, heißt in der ERINNERUNG an das, was wir in Wirklichkeit sind.

    Der Davidstern ist das Licht in unserem Herzen, der Ort an dem sich Atman und Paramatman begegnen, der Ort an dem dem Gott-Vater und Gott-Sohn EINS sind. Doch eine Einheit ohne Zweiheit ist undenkbar. Deshalb gibt es den in die Vergessenheit gefallenen Jiva (hebräisch Enosch). Der Menschensohn (Ben Adam) bildet die Brücke zwischen Jiva und Atman, er ist der Dritte im Bunde.

    Herzliche Grüße

  6. Erstaunlich, wie Heinz Grill hier in ein paar Sätzen kultische, rituelle Handlungen für nicht mehr genügend wirksam erklärt. Da wird auch nicht groß differenziert, sondern sämtliche rituelle und kirchliche Sakramente oder hinduistische und buddhistische Rituale abgehandelt, ohne irgendeine tiefere Begründung. Nur, dass es früher wirksamer war, als noch mehr Hellsichtigkeit herrschte. Wann war denn „früher“? Heinz Grill hat jedenfalls die Erfahrung gemacht, dass sämtliche rituelle Handlungen nicht mehr genügend spirituelle Kraft entfalten würden. Nebenbei gesagt, geht es in dem Altarsakrament der katholischen Kirche oder der Christengemeinschaft nicht nur darum, den „sogenannten heiligen Geist“ hereinzurufen, sondern Christus selbst in Brot und Wein gegenwärtig zu machen. Es gibt auch Menschen, die eine ganz andere Erfahrung mit den Weihehandlungen haben als Heinz Grill. Sind diese Erfahrungen falsch? Die spirituelle Kraft hängt heute auch von den anwesenden Teilnehmern ab. Da kann man Fragen haben, ob diese in westlichen Ländern ausreichend ist. Die moderne Kultushandlung funktioniert gerade nicht allein durch den Priester, sondern mit der Gemeinde zusammen. Im Gegensatz zum umgekehrten Kultus ist die Voraussetzung kirchlicher Sakramente eine Gemeinschaft von Menschen. Das Dreieck mit der Spitze nach unten ist aus diesem Blickwinkel völlig einseitig, da sich die Gemeinde mit dem Priester zu dem Einen erhebt. Also gleichzeitig das andere Dreieck. Der umgekehrte Kultus ist für viele Menschen genauso berechtigt, wie der normale Kultus. Es ist völlig unnötig das eine, das man selber macht, in den Himmel zu loben und alles andere mit unkonkreten Allgemeinheiten abzukanzeln. Verständigung gelingt nur durch gegenseitige Anerkennung. Rudolf Steiner, auf den sich Heinz Grill gerne beruft, hat mit der Christengemeinschaft einen neuen Kultus geschaffen, ebenso für die Waldorfschulen. Offensichtlich war er der Ansicht, dass es nicht unbedingt Hellsichtigkeit zum Vollziehen braucht, sondern dass es sogar zum Wesen des Kultus gehört, dass er zur Hellfühlichkeit und dann Hellsichtigkeit erst führen soll! In der durchaus immer noch berechtigten Kirchenströmung ist die esoterische Gemeinschaft eingeweiht, nicht der einzelne Priester. Die Kraft zum Vollbringen des Kultus empfängt er aus dem Darinnenstehen in der esoterischen Gemeinschaft. Rudolf Steiner hat selbst bis zum 1. Weltkrieg freimaurerische Kulthandlungen vollzogen. Die dritte Klasse der Hochschule sollte kultische Handlungen beinhalten. Für ihn war also Rituelles, Kultisches eventuell das Höhere oder zumindest eine notwendige Ergänzung. Heute liegt das Problem nicht in der mangelnden Hellsichtigkeit, sondern allgemein in einer Schwächung der Mitte, der Herzenswahrnehmung und Gemütsbildung. Ganz besonders durch das Leben mit technischen Medien. Mit dem einfachen Schlecht – machen anderer Geistzugänge ist es nicht getan!

    1. Sehr geehrter Herr Affeldt, vielen Dank für Ihren ausführlichen Kommentar und Ihre Kritik. Der Kultus ist natürlich in diesem Artikel verkürzt dargestellt, und sicher geht es dabei auch, wie Sie schreiben, nicht nur um die Herabrufung des Heiligen Geistes. Dennoch stellt sich heute die Frage, inwiefern der Kultus als solcher noch wirksam ist, ebenso die Frage, welche Rolle der Priester und welche Rolle die Gemeinschaft in der Kulthandlung einnehmen. Heinz Grill betont die Erkenntnissicht der beteiligten Personen. Die Entwicklung des Herzzentrums als ausgewogene und dynamische Mitte dürfte, wie Sie bemerken, ebenfalls von zentraler Bedeutung sein, obwohl es auch hier große Unterschiede im Verständnis gibt. Eine detailliertere Darstellung dieser Fragen finden Sie aber in der frühen Schrift von Heinz Grill „Die Wirksamkeit des Heiligen Geistes in Sakrament und Wort“.

      Dieser Artikel beschreibt Erfahrungen mit dem umgekehrten Kultus und Ansätze, wie er an der Sonnenoase in Lundo gepflegt wird. Wie Sie darauf kommen, dass andere spirituelle Ansätze abgekanzelt werden oder andere Erfahrungen als falsch eingestuft werden, erschließt sich mir auch bei erneutem Lesen des Artikels nicht. Ihre These, dass der Kultus zur Hellsichtigkeit führt, würde ich zwar nicht vollständig ausschließen, aber doch eher als äußerst seltene Ausnahme bezeichnen. Ich denke, dass Rudolf Steiner sogar davon ausging, dass Anthroposophen sich zur Entwicklung der Hellsichtigkeit schulen, und nicht, dass er diese für den Kultus als unnötig erachtete. Es ist übrigens nicht richtig, dass sich Heinz Grill in seinen Aussagen auf Rudolf Steiner beruft. Diese basieren viel mehr auf eigener Forschung, die er gelegentlich zu den Aussagen von Rudolf Steiner in Beziehung bringt.

      Unverständlich ist, was Sie mit der esoterischen Gemeinschaft in der Kirche meinen. Handelt es sich um die Kardinäle, Bischöfe und Priester? Dass ein Priester eine spirituelle Wirksamkeit entfaltet, nur weil er Kleriker ist, dürfte zwar der Glaubenslehre der kath. Kirche, nicht aber der Realität entsprechen. Ich stimme Ihnen aber zu, dass sich Kultus und umgekehrter Kultus nicht gegenseitig ausschließen müssten.

    2. Ich halte es für illusorisch, zu meinen, dass durch einen Kult heute noch eine Spiritualisierung erreicht wird. Wenn dem so wäre, dann dürfte es ja an nichts mangeln. Es müsste aus all den Kulten und Ritualen, die überall praktiziert werden, die wunderbarste verwandelnde Kraft ausgehen. Meinem Eindruck nach dürfte aber eher das Gegenteil der Fall sein.

      Und ich frage mich, warum die großen spirituellen Persönlichkeiten wie Swami Sivananda oder Sathya Sai Baba für eine Verwandlung (Transsubstantiation) solche Mühe und Opfer aufbringen mussten, wenn es doch mit einigen wenigen Gebeten und Kulthandlungen auch getan ist.

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