Licht und Dunkelheit, Logik und Unlogik

Licht entsteht dort, wo Wissen zu einem lebendigen Bestandteil des Seins wird. Dunkelheit entsteht dort, wo Erkenntnisse lediglich gesammelt und besessen werden. Heinz Grill beschreibt den Unterschied zwischen gelebter Weisheit und spirituellem Konsum als eine wesentliche Frage der Bewusstseinsentwicklung.

Licht und Finsternis als seelische Realität

Die beiden großen Polaritäten von Licht und Finsternis beziehen sich weniger auf die Tag- und Nachtrhythmen, die infolge der kosmischen Bedingungen die äußere Welt begleiten. Sie referieren explizit und bis hinein in einzelne Details die Seelenkonditionen der Menschheit und der Individuen.

Habenwissen und spiritueller Konsum

Es gibt keine größere Abschirmungskraft für alle lichten und schönen Einflüsse für die menschliche Seele als den spirituellen Konsum. Erich Fromm1) Der Psychoanalytiker und Sozialphilosoph Erich Fromm (1900–1980) entwickelte in seinem Werk Haben oder Sein die Unterscheidung zwischen einer besitzorientierten und einer seinsorientierten Lebenshaltung. unterschied zwischen einem sogenannten Habenwissen und einem Seinszustand des Wissens. Das Nicht-Wissen, Avidya2) Avidyā bedeutet Nichtwissen oder Unkenntnis. In den Yogasūtras des Patañjali gilt sie als die grundlegende Ursache menschlicher Verstrickung und Fehlwahrnehmung., ist in der Yogaphilosophie bezeichnend für die mangelnde Auseinandersetzung mit geistigen Inhalten. In der Bhagavad Gita wird dieses Nicht-Wissen mit Ajñana3) Jñāna bedeutet Erkenntnis oder geistiges Wissen. Im Unterschied zu einem bloßen intellektuellen Wissen bezeichnet der Begriff ein Wissen, das mit unmittelbarer Einsicht und Bewusstheit verbunden ist. bezeichnet und das Wort ajñāna-sambhūtah ist jene Dimension des Nicht-Wissens, die unmittelbar aus der Dunkelheit geboren ist.4) Bhagavad Gītā, Kapitel 4, Vers 43:


tasmād ajñāna-sambhūtaṁ
hṛt-sthaṁ jñānāsinātmanaḥ
chittvainaṁ saṁśayaṁ yogam
ātiṣṭhottiṣṭha bhārata


Darum zerschlage mit dem Schwerte der Erkenntnis diesen Zweifel, der sich aus Unwissenheit erhoben und in deinem Herzen festgesetzt hat, und nimm Zuflucht zum Yoga! Erhebe dich, o Bhārata!

Wenn Wissen nicht zum Sein wird

Nun wenden leider viele Yogaschulen und, zu allem Bedauern, selbst meine eigenen Teilnehmer nicht selten die Begriffe von Jñana, Vidya oder in der Anthroposophie die „Weisheit im Menschen“ als eitles Wissen in eben dieser materialistischen Weise an und bezeichnen sich als diejenigen, die höherstehend sind, weil sie durch glückliche äußere Möglichkeiten spirituelle Inhalte erleben konnten. Ist aber dieses Wissen bereits ein Seinszustand oder verblasst es in seinem ersten noch unbefangenen Funkeln, das einmal sehr leicht im ersten Interessensstrom des Kennenlernens aufflammt, in einem Nichts, gleichsam wie eine Sternschnuppe, so verbleibt zuletzt nur noch der Anspruch, man sei ein Wissender, ein Jñānin, und in Wirklichkeit ist man ein Ajnānin, ein rein habender Wissender, der sich eine Illusion erschafft.

Während die Erde vom physischen Licht abgeschirmt ist, leuchten dennoch die Planeten. Licht und Finsternis erscheinen nicht nur als Naturphänomene, sondern als Sinnbilder seelischer Zustände.
Zeichnung: Petra Himmel
Erich Fromm, Autor von Haben oder Sein, unterschied zwischen einem Wissen, das man besitzt, und einem Wissen, das im Sein des Menschen lebendig wird.
Porträt von Anne-Michèle Haymbe

Das Herzzentrum und die Entwicklung von Jñana

Für die Entfaltung des Herzzentrums braucht es eine ausreichende Selbstkritik, ganz besonders in der Unterscheidung, ob man das Wissen bereits im Sein zum Erleben bringt oder ob man es nur im Habenanspruch für sich selbst konstatiert. Manas5) Manas wird in der indischen Philosophie häufig als denkendes Bewusstsein oder Sinnesbewusstsein beschrieben. Es vermittelt zwischen Wahrnehmung, Denken und Erkenntnis und bildet eine Grundlage für die bewusste Beziehung des Menschen zur Welt., das Bewusstsein und Wissen über geistige Wesenheiten und tiefere Eindrücke über das Leben, tiefer als es die gewöhnlichen äußeren Informationsquellen liefern, machen die menschliche Psyche, ja mehr, die ganze menschliche Seele zum lichten, tauglichen Instrument des Daseins, während das Habenwissen ein Ajñana ist, ein sehr mächtiges Unwissen, das den Glauben vortäuscht, man sei ein Wissender, und in Wirklichkeit ist die Finsternis um die Seele groß. Metaphysisch gesehen kreiert das Habenwissen tatsächlich einen Schatten in der Aura.

Bewusstseinsentwicklung als Weg zu einer lichten Ausstrahlung

Spiritualität braucht dringend ein Wissen, das lebendig im Sein gegründet ist, damit sie Kraft entfalten kann. Das Haben im Anspruch an Wahrheiten und Weisheiten verdunkelt nicht nur die eigene Seele, sondern erschafft große Barrieren zur allgemeinen Freude an Spiritualität. Es sind wahrlich, metaphysisch gesehen, Barrieren, die Menschen durch ihr Haben im Wissen über ihre Seele entwickeln. Die Aura ist wie abgeschirmt und gefangen; die Finsternis, obwohl sie vielleicht als solche nicht subjektiv empfunden werden kann, erscheint real und für das sensitive Auge deutlich. Die Entwicklung einer guten Selbstkritik und die ausdauernde Entfaltung von Bewusstseinsinhalten, damit diese nicht nur äußere Dogmen darstellen, sondern einen wirklichen, bewegenden, freudigen Urgrund im Sein des Menschen demonstrieren, gleichsam wie einen Brunnen mit klarem Wasser, sind für die Entfaltung von Jñana und zuletzt eines guten Herzzentrums sowie eines Manas, eines ersten geistigen Bewusstseins, notwendig.

Der Artikel beleuchtet folgende Fragen:

Was bedeutet ajñāna in der Bhagavad Gita?

Ajñāna bezeichnet das Unwissen oder die Verdunkelung des Bewusstseins. Es beschreibt einen Zustand, in dem der Mensch die Wirklichkeit nicht klar erkennt.

Was unterscheidet Wissen von Weisheit?

Wissen kann gesammelt und besessen werden. Weisheit entsteht erst dann, wenn Erkenntnisse im Leben praktisch verwirklicht werden und zum Bestandteil des Seins werden.

Welche Bedeutung hat das Herzzentrum in der spirituellen Entwicklung?

Das Herzzentrum entwickelt sich durch objektive Wahrnehmung, Selbstkritik und die lebendige Umsetzung geistiger Inhalte. Es verbindet Erkenntnis mit dem sozialen Leben.

Was versteht Heinz Grill unter spirituellem Konsum?

Spiritueller Konsum entsteht dann, wenn spirituelle Erfahrungen oder Erkenntnisse lediglich gesammelt werden, ohne dass daraus eine innere Entwicklung und eigenständige Bewusstseinsbildung hervorgeht.

Sirsasana mit Beinvariation als Ausdruck von Bewusstsein, Gedankenkraft und innerer Lebendigkeit
Sirshasana mit Beinvariation –
Eine Asana soll offen sein und mit der Lichtsphäre kommunizieren. Trägt sie Abgeschlossenheit in sich, ist ihr Ausdruck zu sehr physisch, ohne Seele und ohne zirkulierende feinsinnige Wahrnehmung, gilt sie als tamas oder, anders ausgedrückt, als repräsentativ für Dunkelheit und Unwissen.
Diese Asana zeigt die Lebendigkeit von Gedanken und Bewusstsein, das sich auf den Körper überträgt.
Aspamara als mythologische Darstellung von Unwissenheit und fehlendem Bewusstsein
Aspamara6) Apasmara (oft auch aspamara geschrieben) ist in der indischen Mythologie die Gestalt des Vergessens, der Unwissenheit und der geistigen Verwirrung. In Darstellungen des tanzenden Śiva Naṭarāja wird er unter den Füßen Shivas gezeigt und symbolisiert die Überwindung von Unwissenheit durch Bewusstsein. ist die mythologische Darstellung der Unlogik oder Unwissenheit. Genau genommen bedeutet diese Figur das Fehlen der Erinnerung und des Bewusstseins. Der tanzende Shiva Nataraja tritt ihn mit Füßen. Für seine kosmischen, tanzenden Füße ist er eine Nebenerscheinung in der Welt.
Im Menschen jedoch nehmen die Repräsentation der Unlogik und das fehlende Bewusstsein einen nicht geringen Anteil ein.
Zeichnung: Anne-Michèle Haymbe

Anmerkungen

Anmerkungen
1 Der Psychoanalytiker und Sozialphilosoph Erich Fromm (1900–1980) entwickelte in seinem Werk Haben oder Sein die Unterscheidung zwischen einer besitzorientierten und einer seinsorientierten Lebenshaltung.
2 Avidyā bedeutet Nichtwissen oder Unkenntnis. In den Yogasūtras des Patañjali gilt sie als die grundlegende Ursache menschlicher Verstrickung und Fehlwahrnehmung.
3 Jñāna bedeutet Erkenntnis oder geistiges Wissen. Im Unterschied zu einem bloßen intellektuellen Wissen bezeichnet der Begriff ein Wissen, das mit unmittelbarer Einsicht und Bewusstheit verbunden ist.
4 Bhagavad Gītā, Kapitel 4, Vers 43:

tasmād ajñāna-sambhūtaṁ
hṛt-sthaṁ jñānāsinātmanaḥ
chittvainaṁ saṁśayaṁ yogam
ātiṣṭhottiṣṭha bhārata

Darum zerschlage mit dem Schwerte der Erkenntnis diesen Zweifel, der sich aus Unwissenheit erhoben und in deinem Herzen festgesetzt hat, und nimm Zuflucht zum Yoga! Erhebe dich, o Bhārata!

5 Manas wird in der indischen Philosophie häufig als denkendes Bewusstsein oder Sinnesbewusstsein beschrieben. Es vermittelt zwischen Wahrnehmung, Denken und Erkenntnis und bildet eine Grundlage für die bewusste Beziehung des Menschen zur Welt.
6 Apasmara (oft auch aspamara geschrieben) ist in der indischen Mythologie die Gestalt des Vergessens, der Unwissenheit und der geistigen Verwirrung. In Darstellungen des tanzenden Śiva Naṭarāja wird er unter den Füßen Shivas gezeigt und symbolisiert die Überwindung von Unwissenheit durch Bewusstsein.

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