Die Logik der Bindung beziehungsweise deren Unlogik

Die Logik der Bindung beschreibt jene subjektive Denkweise, die aus persönlichen Abhängigkeiten, Bedürfnissen und unbewussten Gefühlsstrukturen entsteht. Obwohl sie vordergründig vernünftig erscheint, kann sie dennoch Entwicklung verhindern, Beziehungen belasten und den Blick auf die Wirklichkeit einschränken.

Artikel von Heinz Grill

Die subjektive Logik des gebundenen Bewusstseins

In einer Bindung ist das menschliche Bewusstsein eng an den Körper gebunden und erschafft sich selbst, meist ohne es wissentlich zu überschauen, eine subjektive Stimmung mit Illusionen. Die Yogalehre bezeichnet das Wesen der Bindung mit Kamarupa1) kāmarūpa bedeutet wörtlich „Gestalt oder Form des Begehrens“. In der Yoga-Philosophie bezeichnet der Begriff jene Kräfte des Begehrens und der Bindung, die das Bewusstsein an subjektive Wünsche und Vorstellungen fesseln., einer Begehrensform, die in der Regel nicht unbedingt immer offensichtlich nach außen sichtbar sein muss, sondern sich nach innen in eine eigene Welt abschirmt. Das Wesen selbst ist im Schatten der eigenen Subjektivität getarnt. Bindungen sind deshalb tatsächliche, existenzielle Neigungen des persönlichen Gefühls- und Willenslebens. Sie entziehen sich meist der Rationalität. Eine Bindung kann beispielsweise zwischen Mutter und Kind bestehen, und dies ganz besonders, wenn das Verhältnis im Sinne eines Partnerschaftsersatzes fungiert. Es existieren aber zahlreiche ideologisch-religiöse Bindungen, die nicht auf realer Erkenntnis, sondern auf falsch interpretierten Glaubensformen beruhen. Schließlich gibt es zahlreiche Bindungen, weil wesentliche Entwicklungsprozesse im Leben fehlen und deshalb unendliche kompensatorische Mechanismen eintreten müssen, damit der Mangel der Entwicklung nicht leidvoll gelebt wird. Grundsätzlich ist für die Seele jede Bindung metaphysisch gesehen wie ein Schattengespenst, eine Abschirmung zur Realität, und deshalb eigentlich für das gesunde menschliche Dasein unerträglich. Bindung ist niemals Freude, sondern Leiden.

Zeichnung einer Schuldzuweisung als Ausdruck einer bindungsbedingten und subjektiven Wahrnehmung.
Schuldzuweisungen entstehen häufig aus subjektiven Bindungen und werden niemals den tatsächlichen Umständen gerecht.
Zeichnung: Iosefo

Wie Bindungen soziale Beziehungen beeinflussen

Interessant erscheint jedoch die Logik des gebundenen Bewusstseins selbst, das sich allerlei Berechtigungen und Ansprüche erlaubt und dabei den Anschein erweckt, es sei logisch. Es wäre möglich, eine eigene Abteilung der Logik zu entwickeln, die immerfort eine natürliche, folgerichtige Erscheinung hervorbringt und daher sehr plausibel erscheint. Jemand bekommt in seinem Betrieb eine nächsthöhere Stelle angeboten, lehnt diese jedoch ab, da die gefühlsmäßige Wahrnehmung in der Psyche besteht, dass eine höhere Stelle tatsächlich mehr Verantwortung einfordert. Indem aber die Person dieser Verantwortung nicht nachkommen möchte, muss der Arbeitgeber eine neue Wahl für die gleiche Stelle treffen und er ist gezwungen, sie vielleicht weniger effektiv zu ersetzen. Es dauert vielleicht zwei Monate und die neue Stelle mit der neuen Arbeitskraft scheitert. Die Logik derjenigen Person, die sich bequem zurückgezogen hatte, scheint nun aufzugehen: „Ich habe mich sehr gut entschieden, denn es hat die andere Person ‚zerlegt‘, und ich bin selbst ungesehen und unerkannt in meiner eigenen bequemen Lage.“ Die Logik aber dieser kleinen Episode, die nicht selten in Betrieben vorkommt, ist tatsächlich jene, dass die Unterlassung der Entwicklung und Verantwortlichkeit andere Menschen, die hilfsweise oder ersatzweise hierfür eintreten müssen, zermürbt. Die Bindungslogik erscheint tatsächlich richtig, und dennoch ist sie geistig gesehen, wie das Beispiel zeigt, eine sehr bequeme irdische Angelegenheit, die in letzter Konsequenz Urteile und Spaltereien sät und die Entwicklung des menschlichen Daseins verhindert.

Ein anderes Beispiel: Zwei Menschen stehen sehr tief in einer Bindung miteinander. Sie verstehen sich gut und erwecken den Anschein, sie seien füreinander wie zwei Geschwister immer in bestem Einvernehmen. Wie fühlt sich aber eine Person, die mit diesen beiden Menschen, die wohlgemerkt in einer Bindung und nicht in Verbindung zueinander stehen, gemeinsam in den Urlaub fährt? Diese hinzukommende Person kann keine wirkliche Beziehung entfalten, sie fühlt sich häufig zurückgewiesen und zu einem isolierteren Stand gezwungen. Die Bindung generiert, solange sie funktioniert, für die eigenen subjektiven Verhältnisse eine Kraft. Diese Kraft aber wird von der Umgebung und von dem sozialen Miteinander genommen. Je mehr Bindungen entstehen, desto mehr führen sich die verschiedenen Unternehmungen und menschlichen Verhältnisse zu einem sicheren Scheitern.

Geistige Entwicklung erfordert die Überwindung von Bindungen

Die Logik, wenn sie entfaltet wird, bedarf deshalb der Betrachtung der wirklichen Beziehungsverhältnisse. In einer geistigen Schule muss sich jeder, der Fortschritte machen möchte, dem Thema stellen und Bindungen überwinden, damit er günstigere und erbauende Beziehungsverhältnisse fördert. Das Herzzentrum2) Das Herzzentrum (anāhata-cakra) wird in der Yogalehre als Zentrum der Beziehungskraft und der freien, inhaltsbezogenen Gestaltungskraft beschrieben. ist der Ort der inhaltsreichen Bewusstheit, die in jedem Fall bindungsfrei ist und, wie es Günther Braunger3) Günther Braunger (1933–1999) war Heilpraktiker und Atemlehrer in München. Er beschäftigte sich intensiv mit den Zusammenhängen von Atmung, Yoga und Bewusstseinsentwicklung., ein verstorbener Heilpraktiker aus München, formulierte, eine glückliche Einigung mit allen Menschen gibt.

Naturlandschaft bei der Sonnenoase in Naone als Sinnbild der aperonalen Weisheit und Logik der Natur.
Logik lebt auf apersonale Weise in der Natur, während Unlogik durch das Bindungswesen den Menschen ergreift. Dadurch ist der Mensch nicht mehr unbescholten, er muss  immense Arbeit leisten, damit er nicht vollständig der Unlogik verfällt. 
Ardha Matsyendrasana, der Drehsitz im Yoga, fördert Bewusstheit und eine differenzierte Wahrnehmung von Beziehungen.
Paripurna Matsyendrasana – der vollständige Drehsitz
Diese Yogastellung ist laut Günther Braunger eine der schwierigsten, wobei sie jedoch nach seiner Aussage mehr für den Orientalen und gar nicht so sehr für den Europäer tauglich ist.
Günther Braunger gab wertvollste Anregungen zu den Asanas und den Chakren. Leider ist von seiner Person kein Foto verfügbar.

Der Artikel beleuchtet folgende Fragen:

Was unterscheidet Bindung von Beziehung?

Beziehung ermöglicht Entwicklung, Freiheit und gegenseitige Wahrnehmung. Bindung beruht dagegen häufig auf unbewussten Bedürfnissen, Abhängigkeiten oder Gewohnheiten.

Warum erscheint eine Bindung oft logisch?

Weil sie die eigenen Interessen und Bedürfnisse absichert. Dadurch entsteht eine scheinbar schlüssige Denkweise, die jedoch die Gesamtsituation nicht ausreichend berücksichtigt.

Welche Rolle spielt das Herzzentrum?

Das Herzzentrum ermöglicht eine freiere Selbstwahrnehmung wie auch Wahrnehmung der Mitmenschen. Es fördert Beziehungen, die nicht auf Abhängigkeit, sondern auf gegenseitigem Interesse beruhen.

Kann man Bindungen überwinden?

Bindungen können durch Bewusstwerdung, Selbstreflexion und eine aktive Entwicklung von Beziehungsfähigkeit und universalen Inhalten schrittweise überwunden werden.

Anmerkungen

Anmerkungen
1 kāmarūpa bedeutet wörtlich „Gestalt oder Form des Begehrens“. In der Yoga-Philosophie bezeichnet der Begriff jene Kräfte des Begehrens und der Bindung, die das Bewusstsein an subjektive Wünsche und Vorstellungen fesseln.
2 Das Herzzentrum (anāhata-cakra) wird in der Yogalehre als Zentrum der Beziehungskraft und der freien, inhaltsbezogenen Gestaltungskraft beschrieben.
3 Günther Braunger (1933–1999) war Heilpraktiker und Atemlehrer in München. Er beschäftigte sich intensiv mit den Zusammenhängen von Atmung, Yoga und Bewusstseinsentwicklung.

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