Brahmacarya – die verborgene Flamme gegen Gewalt

Brahmacarya wird im Yoga häufig mit Enthaltsamkeit oder Zölibat gleichgesetzt. Heinz Grill entwickelt den Begriff in diesem zweiten Teil umfassender: als bewusste Ausrichtung des Menschen auf ein hohes geistiges Ideal. Aus diesem Streben sollen Wahrheitsbewusstsein, moralische Kraft und eine friedensfördernde Wirkung auf das soziale Umfeld entstehen.

Dies ist der zweite Teil der Betrachtung über Brahmacarya. Im ersten Teil wurde dem Begriff die Bewegung des Begehrens, Kāmacarya, gegenübergestellt.

Von Heinz Grill:

Brahmacarya ist mehr als äußere Enthaltsamkeit

Brahmacarya heißt der Wandel in Brahman und der sogenannte Brahmacārin ist jener, der auf dem Weg der Spiritualität strebt und sich die verschiedensten Enthaltsamkeitsgelübde, die eine weitreichende und intensive Askese fordern, auferlegt. Er geht gemäß der indischen Yogalehre von der Tatsache aus, dass die Täuschungen in der Welt durch die schmeichelnden Unterhaltungsangebote und Verlockungen die Reinheit der Seele beeinträchtigen. Das zielsichere Streben nach einem Leben in Reinheit führt unweigerlich zu einer Askese bezüglich weltlicher Begehrensformen und kennzeichnet den Brahmacārin.

Die Frage aber, ob dieser Weg der Enthaltsamkeit und der einsamen Strebsamkeit nach Vollkommenheit im Geiste heute noch ausreichend gangbar ist, stellt sich wie automatisch, denn das menschliche Dasein will Verbindungen finden und nicht in weltenflüchtige Trennungen zu den Mitmenschen entgleiten. Yogische Einsamkeit und Mönchskleidung sind nicht mehr leicht integrierbar.

Würde deshalb das Wort „Brahmacarya“ lediglich die äußere Lebensform der Enthaltsamkeit darstellen, wären alle Mönche und Priester, die sich an ein Zölibat halten, die großen Friedensstifter in den Nationen, und all jene, die in yogischer Askese verweilen, könnten die Welt erretten. Die Personen aber, die Familie gründen oder verschiedene eheähnliche Verbindungen pflegen, wären für die Spiritualität nicht sehr auffällig tauglich. Das Wort „Brahmacarya“ bedarf deshalb einer sehr tiefgreifenden Wahrnehmung und Erforschung, denn es stellt tatsächlich mehr dar, als die in fromme Kleidung gehüllte Lebensform und die von Askese gezeichnete Grundhaltung der Seele. Die Enthaltsamkeit bräuchte heute noch einmal eine sehr hohe moralische Definition, die nicht bei einer äußeren Lebensform stehen bleibt, sondern die gesamte innere Bewusstseinsbildung und Verantwortlichkeit des menschlichen Daseins berücksichtigt.

Die schöpferische Kraft des Brahmacarya

Im tiefsten und trefflichsten Sinne bildet diese Lebensform Brahmacarya, die gleichzeitig den vierten Punkt der Yama-Gesetze1) Zu Brahmacarya, häufig auch Brahmacharya geschrieben, vgl. Patañjali, Yoga-Sūtra II,30: ahiṃsā, satya, asteya, brahmacarya und aparigraha werden als die fünf Yama genannt. Yoga-Sūtra II,38 verbindet die Festigung in brahmacarya mit dem Gewinn von vīrya, Kraft bzw. Energie. des Raja-Yoga darstellt, die höchste und kraftvollste Ausdrucksgebung des sogenannten Astralleibes. Ein wirklicher Brahmacārin erstrahlt kraftvoll im Licht eines universalen Selbstausdruckes. Er ist wie eine Lichtquelle selbst, sonnenhaft, unbeirrbar und zielorientiert in einem Ideal gegründet. Es ist tatsächlich der mit dem Kosmos zusammenhängende, jedoch individuell gegründete Astralleib, der in blendender Kraftfülle im Menschen zum runden und warmen Ausdruck gelangt. Vielleicht mag sich eine gewisse Askese in diesem Bild des gehobenen und geläuterten Astralleibes ausdrücken. Die Fülle jedoch, die sich in Wärme, Licht, Kraft und Dynamik zeigt, ist nicht nur ein Ergebnis von Verzicht gegenüber partnerschaftlichen Beziehungen, weltlichen Belanglosigkeiten, Müßiggang in den Sinnesströmen und allgemeinen Passionen. Es ist vielmehr die Schöpferkraft selbst, die sich aus der Strebsamkeit zu höchsten Idealen entwickelt hat und im Menschen vorzüglich zum schönen Bild erstrahlt.

Ein religiös Strebender, der sich sehr konsequent spirituellen Zielen hingibt, meidet naturgemäß unsinnige Beziehungen, aber er muss sich nicht von seinen nähesten, ihn umgebenden Menschen zwingend trennen. Die unentwegte und nie erschütterbare Hinwendung zu einem höchsten Ideal kann als der Weg des Brahmacārin heute durchaus als akzeptabel gelten. Wesentlich für diese Disziplin ist tatsächlich die inhaltliche Würde des Menschen, die Seelenhaltung der Moralität und die ganz bewusste Abwendung von allen zerstörenden oder negativ wirkenden Einflüssen.

Violette Herbstaster im Licht vor unscharfem Gartenhintergrund

Herbstaster – Die Pflanze lebt im Licht, sie ist rein und doch fehlt die Reinheit des entwickelten Selbstes. Sie nimmt über die Fotosynthese das Licht auf, sie kann jedoch nicht das Licht als Geistesgut ausstrahlen.

Weiß-getigerte Katze mit aufmerksamem Blick und grünen Augen

Die Augen sind ein Ausdruck für die Motive und Willenskräfte. Die Katze zeigt dadurch nicht den Gedanken, sondern die vorherrschende Form des Begehrens.

Der Weg zu Brahman und die Bedeutung des Brahmarandhra

Brahmarandhra erhebt die gesamte Körperlichkeit durch seine eigene Lichtoffenheit am Scheitel und über dem Haupt. Das nach oben Strebende findet dann in allen Partien des Körpers statt.

Shankara, der große indische Philosoph, pflegte den Satz, dass Atman Brahman sei.2) Für Śaṅkaras Advaita-Vedānta ist die Wesensidentität von Ātman und Brahman grundlegend. Die Bedeutung dieser Aussage bildet einen Grundstock zum Verständnis von Brahmacarya, oder, anders ausgedrückt, dem Wandel, dem Leben in Brahman, dem Aufgehen in einem Höchsten. Wer sich durch Mühe, Opferleistung und wiederholte Zielstrebigkeit zu einem wahren Ideal aufrichtet, lebt sich mit all seinen Erfahrungen und Empfindungen in eine höhere Wirklichkeit hinein. Er nähert sich langsam den glückseligen Welten des reinen Gedankens an. Sein Scheitelpunkt im Haupt, jene feine angehobene Sinneszentrale, die ganz unbewusst den Menschen begleitet und die im Yoga als Brahmarandhra bezeichnet wird, wirft auf die Augen ganz natürliche lichte Kräfte. Wie kann es sein, dass jemand, der positiv niedrige Leidenschaften hinter sich lässt, schön und licht wird? Es entsteht durch das Angehobensein oder Hinausgehobensein über den physischen Leib und es ist eine Form der Askese, die durch die Wahrnehmung zu einem hohen Ideal entsteht. Ganz naturgegeben überwindet jener, der sich für ein hochstehendes Ideal begeistert, niedrigere Begehrensformen, denn er will die Tugenden und ihre Schönheit von höchster Seite erleben. Je höher die Ziele des Menschen sind, desto natürlicher überwindet er niedrige Passionen. Er scheut keine Mühe für den Aufstieg des Selbstes in der Verwirklichung edler Ideen und Gedanken.

Bleistiftzeichnung von Swami Sivananda im Porträt
Sivananda kannte sich im Wesen Brahmacharya sehr gut aus. Die Unterscheidung von Wahrheitsgedanken, die lichter Art sind, zu sinnlichen Bindungen beherrschte er derartig gut, dass er unmittelbar mit seinen Worten eine erhebende heitere Dimension erzeugen konnte. Diese frohe (sukha) Dynamik in seinem Wesen entsprang der Körperfreiheit.

Lebensbeispiele für die Ausrichtung auf ein höheres Ideal

Obwohl Rudolf Steiner zweimal verheiratet war, richtete sich sein ganzes Leben zur Entwicklung der Anthroposophie aus. Die zahlreichen Erkenntnisse über die geistigen Welten und deren Zusammenhänge mit dem irdischen Leben bilden eine unvergleichbare Opferleistung für die Menschheit, die gar nicht anders entstehen konnte als im fühlenden Wandeln zu den geistigen Welten. Er ist ein Brahmacārin.

Nicht wenige Menschen, die in bestimmten Mann-Frau-Beziehungen standen, wandeln durch ihre Weisheit und vorzügliche Moralität in der Wirklichkeit von Brahman. Vielleicht mag ein extremes Bild der Künstler Raffael aus der Renaissance sein, der in ausschweifenden Passionen dem weiblichen Geschlecht ergeben war und vielleicht gerade deshalb relativ früh an Krankheit verstarb. Dennoch bildet er ein Beispiel, wie seine Seele in höheren Wahrnehmungen lebte und wie ein großartiges Lebenswerk zum Erblühen kam.

Pater Josef Kentenich
(1885 – 1968)

Pater Kentenich aus der Schönstatt-Bewegung lebte für tiefe Ideale und konnte durch seine Ahnungen und Empfindungen zum geistlichen Leben feine, sensible Liebeskräfte ausstrahlen, die ein unmittelbarer Friedensbeitrag waren. Er lebte in Empfindungen, die wahr mit der Ebene des Geistes verknüpft sind.

Bleistiftzeichnung von Udo Renzenbrink im Porträt
Udo Renzenbrink konnte die Ernährungslehre nach der Grundlage von Rudolf Steiner mit Ansätzen der gesunden Ernährung für verschiedenste Lebensstufen grundlegen. Sein Feingefühl für Wahrheit war sehr groß und deshalb war er tolerant und im Herzen gut zentriert. Diese Eigenschaften der Toleranz stehen im Nachtodlichen der Welt wieder verfügbar, denn sie sind geistige Fähigkeiten.

Wahrheitsbewusstsein als Grundlage der Gewaltfreiheit

Für die Entwicklung von Brahmacarya ist die Erlangung eines tiefgründigen Wahrheitsbewusstseins, Wahrheitsfühlens und zuletzt eine Gründung im Wollen zur Wahrheit unumstößlich. Je mehr dieser Wille in einzelnen Menschen zur Erkraftung gelangt, desto mehr fließen ihm die schönen und ausstrahlenden Liebeskräfte des Kosmos zu. Der Astralleib beginnt, aus dem Geist zu leuchten, das Bewusstsein verkündet Reinheit und Licht. Diese Dimension des Kosmos ist gewaltfrei. Sie ist sanft und kräftig zugleich. Der Mensch wird dann auf natürliche Weise die Moralität höher schätzen als jegliches triebhaftes Verlangen, als Vergeltung oder nachtragende Gehässigkeit. Wie relativ kann so manches Abenteuer der Sinnlichkeit im Leben und so mancher Konflikt, Streit, Jähzorn oder verirrte Emotion werden, wenn nur die Flamme des Geistes im Menschen zu brennen beginnt und sein Brahmarandhram, sein Scheitelpunkt, wie erhöhend, das gesamte Aufrichtevermögen zum Lichte dirigiert?

Manche Menschen sind zu einem gewissen Grade in kleinen Eigenschaften in Brahmacarya bereits gegründet. Die Vernunft im umfassenden Sinne ist dann größer als der begehrliche, nach Welt und Macht lauernde Trieb. Diese Haltung ist schön, kraftvoll und sympathisch.

Vielleicht mögen nicht so große, bekannte Lebenswerke gedeihen wie diese von bekannten Künstlern und namhaften Persönlichkeiten der Weltentwicklung. Im Wesentlichen zeigen sich die Eindrücke im Seelenleib. Der Brahmacārin kann auf seinem Gebiet, auf dem er tätig ist, sofort Wahrheit von Lüge unterscheiden. Er ist untäuschbar in spirituellen Fragen. Wenn der Wille zum Höchsten aufzusteigen wagt, so wird jede Wahrheit, die nur andeutungsweise Züge von Weisheit enthält, erkannt. Der Mensch erfreut sich an Wahrheiten, da sie erhebend wirken und, wie das Johannesevangelium sagt, den Menschen frei machen.3) Vgl. Johannes 8,32: „… und werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen.“ Höchste Unterscheidungsfähigkeit ist in Brahmacarya gegeben. Wie sehr kann dieser Wahrheitswille Gewaltfreiheit in der Welt erzeugen, denn er gründet sich auf einem soliden, kraftvollen und gesunden Menschen? Gesundheit und Licht gehören tatsächlich in letzter Konsequenz zusammen. Die Entwicklung von kräftigen und gediegenen moralischen Voraussetzungen schafft eine Grundbasis für die Gesellschaft und schließlich kann daraus der nächste Schritt einer besseren Ordnung der Nationen entstehen. Ist aber eine Nation gesünder und gegründet und steht solide auf moralischen Säulen, so führt sie in der gesamten Welt zu einem friedvollen Gleichgewicht.

Vom individuellen Menschen zum gesellschaftlichen Frieden

Brahmacarya ist Strahlkraft, Liebe und universale Weisheit, die durch den Menschen spricht. Brahman ist Ātman oder anders ausgedrückt: Die Universalität wird zur individuellen Willensnatur des Menschen und deshalb ist Brahman in letzter Konsequenz der sich ständig weiter verwirklichende Ātman im Menschen.4) Je schwächer Menschen im Laufe der Zeit in ihrer psychischen und physischen Grundkraft werden, desto mehr neigen sie zu einer passiven Selbstaufgabe in Bezug auf Manipulationen, Suggestionen und Wirtschaftsinteressen. Ein schwaches Volk ist deshalb für Kriegszwecke benutzbar. Die Anschauung, die hier dieser Ausführung zugrunde gelegt ist, bezieht sich auf die Stärkung der gesamten menschlichen Gesundheit durch eine richtige Anwendung von einem psychischen und physischen Brahmacarya. Indem die individuellen Voraussetzungen lichtvoll gestärkt werden, kann sich eine friedvolle Gesellschaft von unten nach oben erbauen.

Im Brahmacārin, dem Menschen, der Brahman kennt, lebt ein Feuer, das im wahrsten Sinne nicht von dieser Welt ist. Es brennt und bleibt dennoch ruhig, zart, mit feinsten Kräften der Liebe. Indem es durch den Menschen, durch seine Seele zur stillen Verkündigung wird, reinigt es die Umgebung und lässt gewaltvolle Willensäußerungen verstummen. Die Gesundheit in psychischer und physischer Hinsicht erhebt sich nicht nur in einem Menschen, sie erstrahlt und fördert sich heilsam für die gesamte Umgebung. Brahmacarya, das Leben und Wirken in einem verwirklichten Gedanken, bringt für alle Nationen vonseiten des individuellen Menschseins ein harmonisches Gleichgewicht und ein gesundes Selbstbewusstsein.

Der Friede in der Welt wird deshalb von einzelnen Individuen gefördert, die sich eine sehr gesunde Basis geben und von dieser ausgehend schließlich ein gesellschaftliches und soziales Gleichgewicht bis zur höchsten Moralität zu gründen vermögen.

Porträt von Sathya Sai Baba mit konzentriertem Blick
Der durchdringende konzentrierte Blick von Sai Baba zeigt eine Bewusstseinsorientierung mit Verwandlungskraft. Der Scheitel, das Brahmarandhra, ist sehr weit ausgeprägt.
Foto: Sainiventa auf Wikimedia
Die Konzentration kann durchaus im Ausdruck einer Physiognomie sichtbar werden. Je mehr ein Gedanke konzentriert bewahrt wird, desto mehr sammeln sich Lebensätherkräfte an der Wirbelsäule, kanalisieren diese und führen dadurch zu einer allgemein gesteigerten lichten Verwandlung des Leibes. Über dem Scheitel befindet sich das sogenannte Brahmarandhra, das siebte Chakra, das allgemein eine lichte Anhebung aller körperlichen Bedingungen leistet.
Bleistiftzeichnung von Gregory Peck im Porträt
Die hervorragende Beobachtungsgabe von Gregory Peck, dem amerikanischen Schauspieler, geht ebenfalls in Brahman ein. Sie ist eine Fähigkeit, die sich in dieser höchsten Ebene zu natürlicher Herzenskraft verwandelt und als solche heute, nun 23 Jahre nach seinem Tod, friedvoll für die Welt ausstrahlt. Die Kräfte, die aus der geistigen Welt wirken, entspringen aus den menschlichen Fähigkeiten und fördern die weitere Entwicklung auf der Erde.

Anmerkungen

Anmerkungen
1 Zu Brahmacarya, häufig auch Brahmacharya geschrieben, vgl. Patañjali, Yoga-Sūtra II,30: ahiṃsā, satya, asteya, brahmacarya und aparigraha werden als die fünf Yama genannt. Yoga-Sūtra II,38 verbindet die Festigung in brahmacarya mit dem Gewinn von vīrya, Kraft bzw. Energie.
2 Für Śaṅkaras Advaita-Vedānta ist die Wesensidentität von Ātman und Brahman grundlegend.
3 Vgl. Johannes 8,32: „… und werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen.“
4 Je schwächer Menschen im Laufe der Zeit in ihrer psychischen und physischen Grundkraft werden, desto mehr neigen sie zu einer passiven Selbstaufgabe in Bezug auf Manipulationen, Suggestionen und Wirtschaftsinteressen. Ein schwaches Volk ist deshalb für Kriegszwecke benutzbar. Die Anschauung, die hier dieser Ausführung zugrunde gelegt ist, bezieht sich auf die Stärkung der gesamten menschlichen Gesundheit durch eine richtige Anwendung von einem psychischen und physischen Brahmacarya. Indem die individuellen Voraussetzungen lichtvoll gestärkt werden, kann sich eine friedvolle Gesellschaft von unten nach oben erbauen.

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