Eine effektive Friedensarbeit
Die allgemein und volkstümlich verbreitete Auslegung des Begriffes brahmacarya ist die Enthaltsamkeit, der Zölibat. Des Weiteren gilt als brahmacarya auch die Vorbereitungszeit auf die Sannyasin-Weihe, das ist das indische Mönchsgelübde. Der Verzicht auf sexuelle Neigungen gilt in dem klassischen Yoga als Basisorientierung für die Entwicklung von samādhi, dem höheren Bewusstsein mit seiner Erleuchtung in der rein geistigen Wirklichkeit. Im rājayoga, dem Achtstufenpfad, bildet brahmacarya eine der grundlegenden Regeln.
Die Enthaltsamkeit jedoch ist nicht als reine Verzichtshandlung zu verstehen, denn wäre sie lediglich in dieser Art negativen Auslegung einstufbar, so wäre jeder, der sich vom Leben abwendet und in eine Art Rückzugsneigung geht, ein Friedensstifter und brahmacārin. Das Wort bedarf deshalb einer sehr weitreichenden und umfassenden Darlegung.
In einem der nächsten Artikel soll dieser Begriff umfassend und für die Friedensarbeit in seiner großen Bedeutung zur Darlegung gelangen. Wenn sich jemand auf dem spirituellen Weg wirklich eingehendst mit brahmacarya beschäftigt, so wird er Hoffnung finden und größte Möglichkeiten entdecken, wie er der Welt begegnen kann und sich dennoch in guten Beziehungen zu gründen vermag.
Kāmacarya
Für die erste Einführung aber erscheint es zielführend, wenn die extremeren Formen der verschiedensten Phänomene, die es in der Welt gibt, zur Darstellung kommen. Aus diesen Gründen soll das Wesen und Kernstück des brahmacarya von der Seite der versuchenden Wirklichkeiten, der verhafteten Spiele, die sich in der Welt entdecken lassen, eine Annäherung gewinnen.
Die gegenteilige Wirklichkeit von brahmacarya lässt sich wohl am besten mit dem Begriff kāmacarya darlegen. Dieser Begriff entstammt einer phantasievollen eigenständigen Wortkombination, die sehr bildhaft und eindrücklich eine Phänomenalität beschreibt, die jeder in seiner trefflichen und anziehenden Faszination gerne beobachtet. kāma ist das Wort für Begehren und carya der Begriff für Wandel, Bewegung, Umsetzung oder Umstand. Genau genommen bildet das Wort carya den kosmischen Tanz von bewegten Kräften. Es ist im Allgemeinen der Astralleib mit all seinen wundervollen Willenstrieben, der sich in carya, im bewegten Spiel der Triebe, ausdrückt.
Eine kleine nette Geschichte kann das kāmacarya, das so ungewöhnliche bewegte Spiel der Begehrenskräfte, darlegen. Die Katzen sind bekannt für Schmeichelei, Suche nach Bequemlichkeit und lauernde mondhafte Begierde. Ich selbst beobachte sie gerne, weil sie faszinierende Geschöpfe sind, treue Hausbegleiter und es in bestem Sinne verstehen, ihre Wünsche durch Beharrlichkeit durchzusetzen. So haben sich in den Häusern von Lundo einige Katzen gut eingelebt und ihre nette padronanza als Hausdirigenten bezogen. Die Gäste lieben die Katzen und die Katzen lieben die Gäste. Dieses Verhältnis scheint wohl auf einer Art Gegenseitigkeit zu beruhen.
Es kommt ein Gast und schon springt die Katze auf, schreit herzerbarmend, als ob sie vor Hunger umkommen würde. Nicht selten fragt der Gast, ob die Katze denn nichts zu essen bekäme. Damit Friede im Hause ist und das Gespräch nicht durch das quirlige, fordernde Kratzen und Schreien abgelenkt wird, gebe ich dem kleinen Geschöpf eine Handvoll crocchette. Der Gast verlässt den Raum, streichelt noch einmal den Rücken der Katze und ein nächster Gast tritt ein. Das Spielchen wiederholt sich. „Die Katze hat doch Hunger“, so die erneute Frage des neu hereintretenden Gastes.


Die Narzisse

Der Falke

Giovanni Segantini
Ich bin zu fast entschuldigenden Erklärungen gezwungen, um nicht sogleich der Tierquälerei bezichtigt zu werden, dass es sich um einige Übertreibungen von diesem kleinen Hausbürger handelt. Damit aber die nötige Ruhe für das Gespräch eintritt, gibt es wieder eine neue Handvoll crocchette. Es ist erstaunlich, wie diese kleinen Tiere mich bei Gesprächen gerne begleiten. Spätestens beim vierten Gast, und wenn es dann genügend Gemauze gegeben hat, schafft das kleine Geschöpf das Futter nicht mehr und lässt es stehen. Das herzerbarmende Miau bleibt aber zurück und selbst beim fünften Gast wiederholt sich die Animation. Nicht selten reden die Personen im Nachhinein nicht über die Themen, die zur Entwicklung anstehen würden, sondern davon, dass die Katze sehr nett sei, aber doch an dem asketisch strengen Weg des Yoga wohl teilnehmen müsse.
Das Studium von kāmacarya lässt sich an manchen Tieren und ganz besonders an Katzen sehr gut absolvieren. Der Mensch jedoch kann keinesfalls in dem Stadium des carya, der Bewegung seiner Gefühle, bleiben. Er ist unmittelbar zur Vernunft und darüber hinaus zur Entwicklung eines inhaltlichen Gedankens, eines Lebensauftrages und zu einer bewussten moralischen Haltung gegenüber sich selbst und einem Gesamten aufgefordert.
brahmacarya ist im wahrsten Sinn der Wandel in einem entwickelten, hohen und edlen Gedanken. Welche Tugendentfaltungen hierzu notwendig sind und wie diese wiederum friedensstiftend wirken, soll in einem nächsten Artikel aufgezeigt werden.

kāmacarya.