Können Chakren durch bestimmte Yogaübungen oder Atemtechniken geöffnet werden?
Während im klassischen Kundalini-Yoga die Erweckung einer verborgenen Schlangenkraft im Mittelpunkt steht, beschreibt Heinz Grill einen anderen Weg der geistigen Entwicklung. Nach dieser Auffassung sind die Chakren keine bereits vollständig ausgebildeten Energiezentren, die sich durch bestimmte Techniken einfach aktivieren lassen. Sie entstehen vielmehr durch die bewusste Entwicklung seelischer Eigenschaften, geistiger Erkenntnis und moralischer Reife. Die Yoga-Asanas können diesen Entwicklungsprozess durch bewusste Konzentration und Gestaltung unterstützen.1) Die einleitende Kurzfassung am Anfang wurde für die Onlineausgabe redaktionell hinzugefügt. Der Haupttext stammt von Heinz Grill.
Was ist Kundalini Shakti – die Schlangenkraft?
Unter dem Begriff Kundalini versteht die orientalische Yogalehre die große göttliche Kraft des Universums, die im Menschen auf latente Weise am untersten Ende der Wirbelsäule ruht. Tatsächlich ruht sie zusammengefaltet, schlafend, von Finsternis umkleidet, als Kraft noch nicht entzündet und dem Bewusstsein nicht verfügbar. Das Wort kundala bedeutet eingerollt.2) Der Sanskritbegriff kuṇḍalinī bezeichnet die „Aufgerollte“ und wird im kuṇḍalinī-Yoga mit der schlafenden Schlangenkraft verbunden. Śakti bedeutet Kraft oder Energie und bezeichnet in der indischen Philosophie auch die schöpferische göttliche Wirksamkeit. Die kuṇḍalinī wird traditionell im Bereich des mūlādhāra-cakra, des Wurzelchakras, lokalisiert.
Im Allgemeinen spricht der Yoga von Kundalini Shakti, von der eingerollten Schlangenkraft, die am untersten Ende der Wirbelsäule im sogenannten Muladhara-Chakra ihren Wohnsitz bezieht. Es handelt sich bei den Beschreibungen, die es in der indischen Yogalehre über diese geheimnisvolle Kraft gibt, nicht nur um Symbole oder Abstraktionen, sondern um reale mögliche Erfahrungen, die im tiefsten Willen oder, anders ausgedrückt, in den verborgensten Schichten des Astralleibes3) Als Astralleib wird in der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft die seelische Wesensgliederung des Menschen bezeichnet, in der Empfindungen, Begierden und Bewusstseinsprozesse wirksam werden. Der Begriff entspricht nicht unmittelbar den Körpermodellen der klassischen indischen Yogaphilosophie. angelegt sind und mit der spirituellen Entwicklung des menschlichen Potentials auf ihre Entfaltung warten

Die klassische Kundalini-Erweckung durch
Pranayama und Bandhas
Sehr bekannt sind die verschiedenen Pranayama-Übungen4) Prāṇāyāma bezeichnet die bewusste Führung und Regulierung der Lebensenergie (prāṇa), insbesondere durch Atemübungen. Bandhas sind körperliche Verschlüsse oder Spannungsführungen, die im klassischen haṭha- und kuṇḍalinī -Yoga mit der Lenkung der Lebensenergie verbunden werden. Zu den bekanntesten gehören mūlādhāra-bandha, uḍḍīyāna-bandha und jālandhara-bandha. Sie werden beispielsweise von Swami Sivananda in „Die Wissenschaft des Pranayama“ beschrieben., die mithilfe des Atems und spezifischer Techniken, beispielsweise langen Atemanhaltephasen mit zentrierenden Körpergesten, den sogenannten Bandhas, eine Konditionierung schaffen sollen, die zum wachsenden Erwachen der verborgenen Kundalini-Kräfte führt. Die einzelnen Asanas hingegen gelten in der Yogalehre nicht unbedingt als hochwirksame Möglichkeiten, die schlafenden Energien zu erwecken. Im Allgemeinen nehmen die meisten Yogaerfahrungen die Asanas zur gesundheitlichen und generell physischen Stabilisierung wahr. Die wesentlichste Erweckung dieser großen Energien geschieht durch gezielte Pranayama-Übungen mit den wohl angewendeten Techniken von Bandhas.
Warum Chakren nicht einfach geöffnet werden können
Die Entfaltung der verschiedenen Energiezentren, der Chakren, geschieht durch die Entwicklung der besten Tugendeigenschaften, durch Moralität und Entfaltung des Bewusstseins für höhere Weisheiten und Erkenntnisse. Chakren, die sogenannten Energiezentren im Astralkörper, können – und das muss mit Nachdruck betont werden – nicht geöffnet werden, wenn sie nicht vorhanden und entwickelt sind. Eine Autotüre kann keinesfalls geöffnet werden, wenn es das Auto nicht gibt.
Es sind gewaltige Irrtümer über diese Energiezentren in den letzten Jahrzehnten verbreitet worden, da man dem Glauben unterliegt, man könne die Chakren öffnen oder schließen, ähnlich wie die Fenster und Türen eines Autos. Solange aber die Seeleneigenschaften, die den jeweiligen Chakren, den astralischen feinstofflichen Zentren entsprechen, nicht entwickelt sind, bildet die Seele des Menschen oder, allgemein ausgedrückt, sein Charakter, ein Nicht-Sein, eine Wirklichkeit, die ungeboren ist. Nicht nur schlafend, sondern tatsächlich nicht existent sind die Chakren, wenn der Mensch seine seelischen Qualitäten nicht zur Entfaltung bringt. Der Astralleib ist in den verschiedenen Regionen, in denen sich diese Chakren befinden, beispielsweise in der Stirn, dem sechsten Zentrum, dem Kehlkopf, dem fünften Zentrum oder dem Herzen, dem vierten mittleren Energiezentrum, von physischen Ausstrahlungen eingenommen. Es fehlt das Licht des Geistes, das die Seele beleben und erleuchten möchte. Ein Chakra erwacht erst dann zur Existenz, wenn es durch die geistige Entwicklung zum realen Lichtgebilde geschaffen wird.5) In verschiedenen kuṇḍalinī –yoga-Traditionen wird von einer Aktivierung oder Öffnung bereits vorhandener feinstofflicher Energiezentren ausgegangen. Die hier dargestellte Auffassung unterscheidet sich davon: Die Chakren werden nicht als bloß zu aktivierende Energiezentren verstanden, sondern als geistig-seelische Wirklichkeiten, die durch die bewusste Entwicklung entsprechender Eigenschaften erst zur Entfaltung gelangen.
Die Bedeutung der Yoga-Asanas für die Entwicklung der Chakren
In der Asana können die Erfahrungen, die einem Chakra entsprechen, in ersten Wahrnehmungsprozessen herbeigeführt werden. Lichte Empfindungen lassen sich durch Gliederungen, Konzentrationsphasen und bewusst gewählte Inhalte auf sehr angenehme Weise in die Übung hineinführen. Der Geist kann die Seele beleben und die Seele kann wiederum den Körper mit Licht versorgen.
Am Beispiel von Sarvangasana6) Sarvāṅgāsana bedeutet sinngemäß die Haltung aller Körperglieder (sarva = alle, aṅga = Glied oder Körperteil). Die unterstützte Form wird als sālamba sarvāṅgāsana bezeichnet. Die Stellung ist im Deutschen auch als „Kerze“ bekannt. In der hier beschriebenen Übungsweise wird besonders die dynamische Bewegung aus der Mitte der Brustwirbelsäule und ihre Beziehung zum Herzerleben hervorgehoben., dem Schulterstand, lässt sich dieser Entwicklungsvorgang, wie geistige Kräfte Schritt für Schritt zu einer organisierenden Struktur gebracht werden und die Seele und den Leib erobern, nachempfinden. Die Bewegung besitzt ein sehr deutliches Zentrum in der Mitte der Brustwirbelsäule und sie besitzt weiterhin eine fließende Wirksamkeit, die von dieser Mitte ausgeht und sich in die Peripherie verströmt. Sammlung und ausstrahlende Energiebewegung finden harmonisch in Sarvangasana zusammen und imprägnieren ein ruhiges, fundiertes Erleben im Herzen.


Der Schulterstand – die bewusste Entwicklung des Herzchakras





Salambha Sarvangasana.


Anmerkungen
| ⇑1 | Die einleitende Kurzfassung am Anfang wurde für die Onlineausgabe redaktionell hinzugefügt. Der Haupttext stammt von Heinz Grill. |
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| ⇑2 | Der Sanskritbegriff kuṇḍalinī bezeichnet die „Aufgerollte“ und wird im kuṇḍalinī-Yoga mit der schlafenden Schlangenkraft verbunden. Śakti bedeutet Kraft oder Energie und bezeichnet in der indischen Philosophie auch die schöpferische göttliche Wirksamkeit. Die kuṇḍalinī wird traditionell im Bereich des mūlādhāra-cakra, des Wurzelchakras, lokalisiert. |
| ⇑3 | Als Astralleib wird in der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft die seelische Wesensgliederung des Menschen bezeichnet, in der Empfindungen, Begierden und Bewusstseinsprozesse wirksam werden. Der Begriff entspricht nicht unmittelbar den Körpermodellen der klassischen indischen Yogaphilosophie. |
| ⇑4 | Prāṇāyāma bezeichnet die bewusste Führung und Regulierung der Lebensenergie (prāṇa), insbesondere durch Atemübungen. Bandhas sind körperliche Verschlüsse oder Spannungsführungen, die im klassischen haṭha- und kuṇḍalinī -Yoga mit der Lenkung der Lebensenergie verbunden werden. Zu den bekanntesten gehören mūlādhāra-bandha, uḍḍīyāna-bandha und jālandhara-bandha. Sie werden beispielsweise von Swami Sivananda in „Die Wissenschaft des Pranayama“ beschrieben. |
| ⇑5 | In verschiedenen kuṇḍalinī –yoga-Traditionen wird von einer Aktivierung oder Öffnung bereits vorhandener feinstofflicher Energiezentren ausgegangen. Die hier dargestellte Auffassung unterscheidet sich davon: Die Chakren werden nicht als bloß zu aktivierende Energiezentren verstanden, sondern als geistig-seelische Wirklichkeiten, die durch die bewusste Entwicklung entsprechender Eigenschaften erst zur Entfaltung gelangen. |
| ⇑6 | Sarvāṅgāsana bedeutet sinngemäß die Haltung aller Körperglieder (sarva = alle, aṅga = Glied oder Körperteil). Die unterstützte Form wird als sālamba sarvāṅgāsana bezeichnet. Die Stellung ist im Deutschen auch als „Kerze“ bekannt. In der hier beschriebenen Übungsweise wird besonders die dynamische Bewegung aus der Mitte der Brustwirbelsäule und ihre Beziehung zum Herzerleben hervorgehoben. |
| ⇑7 | Das anāhata-cakra bezeichnet in der indischen Yogalehre das vierte Energiezentrum im Herzbereich und wird traditionell als zwölfblättrige Lotusblume dargestellt. In den hier dargelegten geisteswissenschaftlichen Betrachtungen steht das Herzzentrum insbesondere mit der Entwicklung universell gültiger Bewusstseinsinhalte und einer freien, verbindenden Beziehungskraft in Zusammenhang. |
| ⇑8 | Siehe auch „Das große Buch der Heilkraft durch Yogaaktivität“, die Kapitel „Der heiltherapeutische Effekt des Schulterstandes“ S. 42 und „Die Wirkungen der Lebensenergien beim Schulterstand“, S. 43, wo die zentripetalen und die zentrifugalen Heilwirkungen beschrieben werden. |
| ⇑9 | Siehe den Artikel zu Kundalini-Yoga von Sukadev. Im Besonderen darin die Hinweise von Sivananda zu kuṇḍalinī śakti. |