Von Heinz Grill
Kulthandlungen
Die Frage, warum Kulthandlungen heute nicht mehr ausreichend wirken oder, anders ausgedrückt, nicht zu einem zufriedenen spirituellen Ergebnis führen, wurde durch meinen letzten Artikel über den umgekehrten Kultus aufgeworfen. Sicherlich ist die Einleitung, dass sowohl im östlichen wie auch im westlichen Kontext der Kulthandlungen die Wirksamkeit nicht mehr gewährleistet ist, sehr pauschal gewählt. Es werden keine Unterschiede aufgezeigt und ebensowenig, ob die Diskussion um katholische oder evangelische Weihehandlungen oder um den erneuerten Kultus in der Christengemeinschaft oder um Handlungen in christlichen Freikirchen geht. Sehr starke Kultbewegungen gibt es beispielsweise im Hinduismus und im Yoga, wie beispielsweise Puja-Zeremonien mit Heiligenfiguren, die in Milch gebadet werden, oder die klassische Mantraeinweihung, die von einem Lehrer zu einem Schüler gehandhabt wird. Schließlich können in der Natur die verschiedensten Kulthandlungen stattfinden, die beispielsweise die Naturgeister, die sogenannten Elementarwesen, beleben sollen.
Nicht ganz wenige Personen sehen in dem von mir geschriebenen Artikel eine Art Angriff auf Kulthandlungen, da von meiner Seite die Einschätzung erfolgte, dass Kulthandlungen im Verhältnis zur früheren Zeit nicht mehr ausreichend wirksam sind und deshalb der umgekehrte Kultus, das heißt das Streben des Individuums zum Geiste, in geeigneter Form ausgerichtet sein sollte. Kulthandlungen können sogar durch ihren Anspruch eine Gefahr darstellen, da sie den Menschen nicht mit der realen eigenen Handlungskraft verbinden, sondern ihn auf relativ passive Weise in die Nähe einer Art höheren Verbindung mit dem Geiste führen, die er aber nicht durch eigene Kraft und bewusste Erkenntnis erringt.
Wie erleben Verstorbene, die in einer religiösen Kultpraxis standen, rückwirkend die eigenen Kulthandlungen, die sie getätigt haben?
Eine Kulthandlung kann wohl von verschiedener Seite aus eine Betrachtung erhalten, beispielsweise von der Freude und Anteilnahme an der rituellen Zeremonie, die der Priester oder Lehrer vollbringt. Menschen, die durch eine Weihehandlung zusammenkommen, verbinden sich in der Regel durch das gemeinsame Bekenntnis und weiterhin durch die Versammlung an einem religiösen Ort ihrer besonderen Wahl. Relativ schwer ist die Einschätzung des Wertes der Kulthandlung nach der Wahl der Worte und der andächtigen Stimmungen, die sich im Raume verströmen. Eine der letzten Personen, die mir in Kulthandlungen begegnet sind und die eine Wirksamkeit unmittelbar in das Sakrament legen konnte, war der längst verstorbene Erzbischof Julius Kardinal Döpfner. Er vollzog nicht nur das Sakrament für Firmanten und andere, sondern konnte auch einen Hauch eines Christusverständnisses leise in sein Ritual durch langjährige Erfahrung und evangelische Kenntnis hineinführen. Aber dieser sehr intelligente fromme Mann, klein von Wuchs, der als Kapazität unter den Priestern galt, verströmte diese feine Stimmung der Andacht nicht nur in den Weihehandlungen, sondern in seinen gesamten anderweitigen Lebensformen.
Sicherlich gibt es in der Welt auch bis heute noch Personen, die ein Sakrament aufgrund ihrer Reinheit und ihres langjährigen Verhältnisses zu geistigen Fragen leisten können, aber sie sind sicherlich wenige.
Eine sehr schwierige Betrachtung bildet die Einschätzung eines Kultes, wie er auf das Nachtodliche wirkt und wie er entsprechend Personen, die Kulthandlungen auf Kraft ihres Amtes vollzogen hatten, weiterhin eine Bedeutung besitzt. Diese Betrachtung ist eine esoterische und sie lehnt sich nicht an die irdischen Stimmungen an. Sie untersucht vielmehr die Wertigkeit und Verbundenheit der Seele mit geistigen Wahrheiten.
Die Seele im Nachtodlichen verbindet sich tiefgründig mit den höheren Welten, wenn sie eigenständig mit realer Einsatzfreude und Kraft die Wege zu einer höheren Wirklichkeit betreten hat. Alle Opferleistungen gehen in die höhere Welt ein. Eigenartigerweise sind die verschiedenen Weihehandlungen nach meinen Forschungen für das nachtodliche Leben von sehr geringer oder gar keiner Bedeutung.
Obwohl Sakramente und Kulthandlungen in den verschiedenen religiösen Zeremonien eine Initiation, eine Form der spezifischen Einweihung, geben sollen, so haben sie dennoch für das gesamte Leben eine nicht sehr große Bedeutung.1) Bitte beachten Sie zu den Hintergründen der spirituellen Initiation auch den Artikel „Initiation – die spirituelle Einweihung zum höheren Selbst“ vom 10.7.2023. Sie erscheinen eigentlich gar nicht im nachtodlichen Leben als wesentliche Station der Entwicklung. Die Opferzeremonie ist noch nicht jenes Opfer, das die geistige Welt mit Freude aufnimmt.
Allgemein können aber die Kulthandlungen, wenn man den Anspruch der Initiation nicht in sie setzt, Gemeinschaftlichkeit und allgemein andächtige Erinnerungsbilder für den Menschen und seine Wahrnehmung zu einer einmal bestandenen lebendigen Geistigkeit in der Weltschöpfung stärken. Infolge der mangelnden Verbindung von Tat, Wort, dem Zurückweichen des Priesters und der doch zu leistenden Zeremonie, die ein bewusstes inhaltliches Zugehen auf den Geist erfordern würde, bleiben sie aber wie eine Wirklichkeit, die die Seele im Nachtodlichen sehr gleichmütig und unberührt begleitet.

Zu Lebzeiten war er als große Kapazität unter Priestern bekannt.

Wie erleben große Lehrer ihr eigenes Wirken des Sakramentes in der nachtodlichen Welt?
Die Mantraeinweihung, die in Yogaschulen häufig von einem Lehrer zu einem Schüler geschieht, bildet in den meisten Fällen nur ein rein äußerliches Ritual. Wenn Vishnu Devananda Schüler in Mantras einweihte, wusste er bereits zu Lebzeiten, dass diese wiederholte Rezitation und die bewusste energetische Übertragungszeremonie des Mantra nur so viel Wert haben, wie er selbst als initiierender Lehrer in seiner Erkenntnis- und Wahrnehmungsfähigkeit zu diesen vorbereitet hatte.2) Vishnu Devananda hat dies 1984 in Ausführungen und mündlichen Vorträgen selbst geschildert. Die Einweihung, die er vollzog, erscheint in der nachtodlichen Wirklichkeit nicht mit großer Wertigkeit, während sein Leben im Opferdienst zur Welt und in verschiedenen bewussten Entwicklungsschritten zum Yoga eine relativ hohe Stufe errungen hatte. Seine Seele fördert heute weniger den Ritus, sondern mehr die gesunde, bewusstseinsbildende und vor allem disziplinierte Schöpferkraft des Menschen, und dies ganz besonders sogar durch Gedankenbildung. Heute wird er infolge von Frauenskandalen verworfen, aber diese Abwertungen tragen für seine Seele nichts und wirklich gar nichts bei.3) Bitte beachten Sie zu Vishnu Devananda auch den Artikel Wie übernimmt man Karma von seinen Mitmenschen vom 04.05.2023 Sein Schöpferpotential will Personen zu einem aktiveren höheren Bewusstsein anregen und dies in besonderem Maße ohne Ritus.
Der Benediktinermönch Bede Griffiths setzte sehr wenig Anspruch an die Eucharistiefeier, und gerade infolge dieser Anspruchslosigkeit nahm das Sakrament feinere und leichtere Stimmungen an, die den einzelnen suchenden Menschen näher zu einer Empfindung des Geistes führten.4) Bede Griffiths betonte die individuelle Auseinandersetzung und kontemplative Vertiefung gegenüber den äußeren Formen des Rituals. So schrieb er in seiner Autobiografie The Golden String: „The liturgy must be something lived inwardly; otherwise it becomes a mere external performance.“ Und in seinem 1982 erschienenen Buch „The Marriage of East and West“ schreibt er: „The sacraments are outward signs of an inward spiritual reality; unless that inner reality is realised, the rite remains incomplete.“ Nach seinem Tode nimmt aber der Wert dieser Eucharistiefeier nicht mehr Raum ein als jede andere Arbeit, die in seinem indischen Ashram in der Küche oder mit Yogaübungen getätigt wurde. Das Sakrament zeigt sich für ihn wie eine Art Handlung, die die wahrnehmende und ehrfürchtige Seele bei jedem Menschen selbst hervorbringen müsste. Jeder Mensch wäre, wenn er wirklich seinen Geist realisiert, ein bewegter Schöpfergeist, der den „hoc est enim corpus meum“ (das heißt: „Das ist mein Leib.“ Umgangssprachlich wurde es abgewertet zu Hokus Pokus) vollbringt.
Abt Emanuel Jungclaussen, der Benediktinermönch von Niederalteich, der die Ökumene zwischen Ost- und Westkirche vorantrieb, war ein großer Kenner der Riten. Er sprach häufig über die dunklen Kräfte, die sich leider dieser Riten bemächtigen und das Wirken des Priesters nicht mehr in der Reinheit des Sakramentes gewähren lassen. Seine Seele erlebt im Nachtodlichen ein hochgradig starkes Drängen nach bewusstseinsbildender Aktivität, die der Einzelne in guter Abstimmung mit Lehrern und weisheitsvollen Schriften vollziehen soll.5) Mit dieser auch in persönlichen Gesprächen intensiv diskutierten Aussage stand der Abt ganz bewusst im Spannungsfeld zur katholischen Sakramententheologie, die die Wirksamkeit des Sakramentes ex opere operato, also unabhängig von der moralischen Integrität des Priesters, verbindlich lehrt.

Alle Zeichnungen von Yva Ev



Johannes Lenz, der erfahrene und sehr sympathische Oberlenker der Christengemeinschaft – mittlerweile seit einigen Jahren verstorben – erlebt im Nachtodlichen hervorragende Jupitereigenschaften und bemerkt die Relativität des Sakramentes. Wesentlich fördert er aus dem Nachtodlichen die Beziehung unter Menschen. Obwohl er eine starke Beziehung zur Christengemeinschaft und zu Gebeten und Sakramenten hatte, führt ihn nun das Nachtodliche ganz und gar nicht mehr in diese doch mehr passive Welt des Glaubens, sondern er erhebt sich in die bewusste Sphäre des persönlichen Wortes, das höher steht als der Ritus.
Aus den verschiedensten Forschungen, Erfahrungen und Beobachtungen zeigt sich, dass ein Ritus auf natürliche Weise gemeinschaftsbildend wirkt, wenn er ohne Anspruch auf Wahrheit stattfindet, gleichsam als Erinnerungsfeierlichkeit.
Der Mensch geht in die geistige Welt mit jener Fähigkeit hinein, die er in sich selbst zum Tragen und Blühen bringen konnte. Der Ritus, die Zeremonien und Bekenntnisse, denen er zu irdischen Zeiten angehörte, haben für ihn keine nennenswerte Bedeutung.
Das mittlerweile vergriffene Buch, das etwa vor 30 Jahren von mir erschien, mit dem Titel „Die Wirksamkeit des Heiligen Geistes in Sakrament und Wort“, würde ich heute infolge der sprachlichen Darstellung nochmals überarbeiten. Die inhaltlichen Auseinandersetzungen, die jedoch in diesem zur Ausführung kommen, lassen sich bis zum heutigen Tage sehr deutlich verifizieren. Die Neuauflage dieser Schrift, die ursprünglich 70 Seiten umfasst, bedarf für mich eines Freiraums, und wenn es mir gelingt, diesen zu schaffen, werde ich diese Schrift noch einmal lesen und in die Neuauflage führen.
Anmerkungen
| ⇑1 | Bitte beachten Sie zu den Hintergründen der spirituellen Initiation auch den Artikel „Initiation – die spirituelle Einweihung zum höheren Selbst“ vom 10.7.2023. |
|---|---|
| ⇑2 | Vishnu Devananda hat dies 1984 in Ausführungen und mündlichen Vorträgen selbst geschildert. |
| ⇑3 | Bitte beachten Sie zu Vishnu Devananda auch den Artikel Wie übernimmt man Karma von seinen Mitmenschen vom 04.05.2023 |
| ⇑4 | Bede Griffiths betonte die individuelle Auseinandersetzung und kontemplative Vertiefung gegenüber den äußeren Formen des Rituals. So schrieb er in seiner Autobiografie The Golden String: „The liturgy must be something lived inwardly; otherwise it becomes a mere external performance.“ Und in seinem 1982 erschienenen Buch „The Marriage of East and West“ schreibt er: „The sacraments are outward signs of an inward spiritual reality; unless that inner reality is realised, the rite remains incomplete.“ |
| ⇑5 | Mit dieser auch in persönlichen Gesprächen intensiv diskutierten Aussage stand der Abt ganz bewusst im Spannungsfeld zur katholischen Sakramententheologie, die die Wirksamkeit des Sakramentes ex opere operato, also unabhängig von der moralischen Integrität des Priesters, verbindlich lehrt. |