Rückblick auf die Künstlertage in Naone Jahresausblick – Teil 9

Von Heinz Grill

Die Künstlertage brachten für alle Anwesenden eine sehr brauchbare Perspektive für das kommende Jahr. Neben einigen kreativen Anregungen für eine integrative Lebensgestaltung waren es vor allen Dingen die Möglichkeiten der Teilnahme an den Jahresprognosen, die ein besseres Grundgefühl für die Zukunft erbrachten. Die meisten der Anwesenden konnten nachvollziehen, welchen Aufwand eine geistige Vision, bis sie einigermaßen plausibel und mitteilungsfähig ist, einfordert. Nicht dass man den Vorhang für kurze Momente aufziehen könnte, um hinter die Phänomene, die die Welt hervorbringt, zu blicken, es ist vielmehr eine mühsame und langwierige Betrachtung, die zur Ausarbeitung gelangen muss und sodann eine Form der klar werdenden und steigernden Bewusstheit, die zur Entfaltung kommen muss, damit eine Zukunftsvision auf plausible Weise entsteht.

Obwohl die Arbeit für eine Vision der Zukunft fast ausschließlich von mir geleistet wird, ist dennoch die Teilnahme jedes Einzelnen wünschenswert und führt zu außerordentlich großen Bereicherungen, denn jeder selbstständig getätigte Schritt in einer Art Konzentration auf ein Thema fördert die Beziehungsfähigkeit. Der Unterschied ist groß, ob man an einer Vision mitgearbeitet hat oder ob man sie nur per Worte nachliest und sie im Nachhinein verstehen möchte. Die direkte geistige Arbeit der Meditation und Konzentration, die keinesfalls eine banale Angelegenheit darstellt, wird für die Zukunft für alle Geiststrebenden außerordentlich bedeutungsvoll.

Interessant war es, dass gerade über die Tage von Weihnachten und das Neue Jahr viele Personen eine Erkältung oder zum Teil, wie Nachweise erbrachten, eine Art Coronainfektion mitbrachten. Die wenigsten ließen sich aber von diesen kränklichen Phänomenen beeinträchtigen und hielten jeden Tag die Aufmerksamkeit zum Thema in der Mitte. Es wäre vermessen, wenn ein Kurs, der über diese Tage zwischen 50 und 100 Teilnehmern aufwies, in seliger Wonne weilen würde, während in vielen Teilen der Welt heftigstes Kriegstreiben mit Schicksalen auflodert und neben diesen offensichtlichen politischen Geschehnissen viele Menschen in ernsten Krankheiten oder existenziellen Nöten bangen. Die Ausrichtung zu einem Thema und die gleichzeitige Bewältigung von einigen kleinen Kränklichkeiten brachte sogar für die meisten eine Stärkung der Willenskräfte und führte dadurch zu einer besseren Anteilnahme an einem Weltenganzen.

Wichtig erscheint für die Zukunft, dass fehlerhafte Anschauungen, falsche Urteile und Bewertungen und schlecht gewählte esoterische Formulierungen zur Auflösung kommen. Eines der großen Übel, das die kommende Zeit plagen wird, ist eine falsche Glaubensform und spirituelle Orientierung.

Hierzu soll folgendes Beispiel anschaulich die Situation beleuchten.

Unreflektierte Esoterik schafft Illusionen1) Dieser Teil stammt aus einem Vortrag vom 20.12.2023 im Rahmen der Künstlertage

Die Aussage, „Der Mensch hätte bereits alles in sich“, ist eine folgenschwere esoterische billige Wortformulierung mit determinierendem Charakter für die ganze Zukunft. Sie ist, wenn man sie nur einmal mit etwas Sorgfalt betrachtet, schlichtweg falsch; vor allem ist sie falsch, weil sie auf eine bequeme Weise im Sinne der Vermeidung von Entwicklungsanforderungen verstanden werden möchte. Gleichzeitig darf man den Menschen nicht mit dem Tier vergleichen, denn das Tier trägt wirklich Instinkte ganz natürlich in sich. Der Mensch aber muss all seine Gefühle, Empfindungen, all das, was er zur Entwicklung bringen möchte, zum Beispiel an Sprachgefühl, an mathematischer Gewandtheit, an Lebenserfahrung, sogar an Selbstvertrauen, mühsam aufbauen und erlernen.

Am besten sieht man diese Tatsache, wenn man den Menschen einmal in Bezug auf die seelische Ausstrahlung und die Seelenwerkzeuge betrachtet, denn diese sind nicht automatisch angelegt. Man betrachte nur einmal die schnell interpretierten und leichtfertig adaptierten Bewertungen der sogenannten Chakren, der Energiezentren des Menschen. Noch immer gilt auf dem Weg des Tantra, im Yoga und im Sinne von vielen esoterischen Strömungen die Aussage, dass die Chakren alle vorhanden wären und der Mensch sie nur öffnen müsse. So wie er ein Fenster eines Hauses öffnen kann, so öffnet er scheinbar, nach den Theorien, mit einem Kunstgriff einfach einmal sein Chakra. Der Fehler aber, den der Mensch mit dieser Aussage begeht, ist derjenige, dass das Haus gar nicht steht und infolgedessen begibt er sich in eine Illusion, wenn er denkt, das Chakra wäre bei ihm bereits ausreichend vorhanden und dass er mit diesem einfach beliebig umgehen könne. Wenn eine Sache nicht in der Wirklichkeit, nicht im sogenannten bhava, in wesenhafter Verfügbarkeit ist, so ist diese auch nicht im Sein der Seele verfügbar, das heißt die seelischen Fähigkeiten, Qualitäten, Weisheiten und dynamischen Potenziale sind dann nicht vorhanden.

Tatsächlich liegt in der Aussage, es sei alles im Menschen, eine gewisse Wahrheit, denn er trägt nämlich die Anlage, die urbildlichen Voraussetzungen der Chakren bereits in sich. Er besitzt beispielsweise vom ersten bis zum siebten Chakra schon alle keimhaften Kräfte wie vorgebildete Gefäße in sich. Diese Gefäße sind jedoch wirklich nur wie unter der Erde befindliche Keime, die im wahrnehmbaren Sinne für den, der hellsichtig auf einen Menschen schaut, nicht sichtbar sind. Das Chakra wird ab jenem Moment sichtbar, wenn es durch aktive Seelenübungen entwickelt wird und es wird sogar auf feine Weise spürbar, selbst für denjenigen, der nicht hellsichtig ist. Es ist aber beim gewöhnlichen Menschen so gut wie kein einziges Chakra wirklich entwickelt. Der Mensch kann deshalb nicht von sich behaupten, er hätte alles wie einen verborgenen Schatz in sich. Richtig wäre es hingegen, wenn er zwischen keimhaften und entwickelten Anlagen unterscheiden würde. Keimhaft besitzt er Gefäße, die nicht nur physisch sind, sondern die tatsächlich für eine bevorstehende Zukunft erfüllt und ausgearbeitet werden wollen. Es ist aber eine sehr rezipierende und bequeme Formulierung, man hätte schon alle Weisheiten, Tugenden und Seelenqualitäten in sich. Diese Annahme macht den Menschen für ein gesundes In-Beziehung-Treten mit Anderen und ein fortschrittliches Lernen untauglich. Die Menschen gehen leider zu eilig mit ihren Begriffen um und erschaffen sich assoziative Gefühle, die das ganze Leben blockieren können und auf diese Weise die rechten Einblicke in eine geistige Welt verwehren. Sie fixieren sich sogar durch die Formulierung, „man hat alles in sich“, auf den Körper zurück. Das Chakra muss sich durch viele Seelenaktivitäten, geistige Disziplinierung und vor allem einen unendlich mühsamen Weg des Studiums entwickeln. Der Mensch entfaltet durch Auseinandersetzung Tugendkräfte und prägt Empfindungsqualitäten für geistige Werte, Inhalte und Wahrheiten aus, damit das Chakra zum Aufbau und Strahlen kommt.

Obwohl der Mensch ein physisches Herz besitzt, das zum Beispiel nach der Gemütslage kälter oder wärmer sein kann, wie es umgangssprachlich mit kaltherzig oder warmherzig bezeichnet wird, ist der Mensch grundsätzlich, wenn er sein Energiezentrum, sein feines metaphysisches Herz entwickelt, nicht unbedingt in die Kategorien kälter oder wärmer einzuteilen, denn das entspricht meistens den emotionalen Strömen des Gemütes. Wenn das Chakra entfaltet wird, dann besitzt der Mensch die Fähigkeit, andere in eine Versöhnung und wirkliche geistig-inhaltliche Verbindung zu führen. Er offenbart die Friedensfähigkeit und strahlt mit feinsten Gedanken und Empfindungen versöhnende Kreationen in seine Umgebung hinaus und dies nicht nur im engeren Kreise. Ein entwickeltes Chakra sendet den Frieden in den Kosmos hinaus und dieser führt ihn über feine Wege wieder zurück zur Erde.

Es ist ein sehr großer Unterschied, ob ein Chakra entwickelt ist oder nicht, denn wenn es entwickelt ist, trägt der Mensch in seinem eigenen Wesen den Schatz der Weisheit und Tugend und er könnte von sich sagen, dass er es in sich hat. Die Eigenschaften und Tugenden sind jedoch nicht von der körperlichen und gemüthaften Verfasstheit abhängig, sie sind in der regsam gewordenen Seele vorhanden. Sie besitzen ein bhava und dieses bhava ist ein wirkliches Sein.2) Das Sanskritwort bhava heißt wörtlich übersetzt „Werden“ und bezeichnet den manifest gewordenen körperlichen oder seelischen Daseinszustand. (siehe den Artikel auf AnthroWiki) Es ist Seelenkraft in konkreter und wirksamer Verfasstheit tätig. Der Mensch wird bei sich bemerken, dass er zwar in den verschiedensten Phasen des Lebens dieses Chakra, wenn er es entwickelt hat, auch wirklich in sich oder bei sich trägt, aber er wird mit den Formulierungen vorsichtig sein, denn er weiß nur zu gut, dass er die Qualitäten, wenn sie nicht täglich gepflegt werden, sofort wieder verlieren wird. Eigentlich müsste der Mensch, wenn er die Seele kennt, bei sich bemerken, dass er allzu schnell wie leer ist und ohne klare Mühe einmal gar nichts bei sich und in sich selbst hat. Natürlich hat er Organe, Zellen, Gefäße und Knochen in sich, aber diese seien mit der Aussage, dass der ganze Geist schon im Menschen sei, nicht gemeint.

Mit dieser Aussage, die der Mensch heute so leichtfertig gebraucht und glaubt, alles sei schon in ihm, vergisst er die Wichtigkeit des Dialoges, dann darüber hinaus die Notwendigkeit, ständig in einer Bewusstheit und wachen Lernbereitschaft zu sein und schließlich vergisst er, sich selbst den nötigen Disziplinen zu stellen, die die Aufmerksamkeit auf das noch Unbekannte und noch nicht Erfahrene zu richten. Er schließt sich mit der Aussage, es sei alles in ihm, viel zu sehr in seine eigene Körperlichkeit hinein. Das Tragische aber in der Aussage, es sei schon alles in der Seele, ist weiterhin, dass man sich eine verhängnisvolle Selbstillusion erschafft und diese den Gedanken aus der freien Verfügbarkeit in eine verhüllende Abschirmung bringt. Wie sehr ist diese Pseudo-Offenheit bei gleichzeitiger Verschlossenheit oft in Gesprächen mit profanem esoterischem Charakter gegeben. Man schafft sich nämlich wirklich ein tragisches, eigenes – wie könnte man es ausdrücken –, ein tragisches Ins-Abseits-Treten, man tritt selbst in eine illusionäre Außenseiterposition und erschafft sich Illusionen in Beziehungen, die noch nicht wirkliche, tragfähige Gültigkeit haben. Man solle sich deshalb die Folgen dieser Aussage vergegenwärtigen. Deshalb ist es für das kommende Jahr sehr wichtig, dass man schnellfertige esoterische und so leichtfertig adaptierte Formulierungen ganz ordentlich hinterfragt, sie nach dem Wahrheitsgehalt prüft, die Aussagen auf eine höhere Stufe bringt, sie erneut gegliedert, weit differenziert betrachtet und aus ihnen heraus schließlich sogar zu einer richtigen Vision und tieferen Einsicht in die Lebensgesetzmäßigkeit gelangt.

Das Unglück vieler esoterischer, nicht verstandener und einfach übernommener Aussagen besteht nämlich darin, dass sie nicht nur falsch sind, sondern auch eine Art Suggestivwirkung für das bequeme selbstentschuldigende Leben darstellen. Sie schaffen Scheinspiritualität, emotionale Verbindungen oder besser gesagt sogar Bindungen unter Menschen, die für die Seele keine Tauglichkeit besitzen und deshalb eine illusionäre Welt unterhalten.

Bilderserie zu einer Steinmetzarbeit von Simon Heiß



















In illusionärer Weise könnte man behaupten, dass in diesem Stein eine Skulptur vorhanden ist. Der Bildhauer denkt zuerst die Idee der Skulptur, lernt sie zu fühlen und schließlich aus dem Stein zu realisieren. Die Idee gelangt in den Stein, es wäre deshalb falsch zu behaupten, der Stein trage die Idee bereits in sich.
Zeichnung: Melissa Winter



Eine Asana ist zunächst eine Körperübung. Je mehr sich der Übende im Bewusstsein schult, universale Ideen im Geiste ersinnt, diese konkretisiert und sie schließlich in seinen Übungen zum Ausdruck bringt, desto mehr erscheinen sie im Bild und Ausdruck des Körpers.



Die Wandmalereien in der zu Wohnraum ausgebauten Scheune in Lundo konnte während der Künstlertage noch zu einem guten Abschluss kommen.


Anmerkungen

Anmerkungen
1 Dieser Teil stammt aus einem Vortrag vom 20.12.2023 im Rahmen der Künstlertage
2 Das Sanskritwort bhava heißt wörtlich übersetzt „Werden“ und bezeichnet den manifest gewordenen körperlichen oder seelischen Daseinszustand. (siehe den Artikel auf AnthroWiki)

One Reply to “Rückblick auf die Künstlertage in Naone Jahresausblick – Teil 9”

  1. Ich bin sehr denkbar für die ausdifferenzierte Darstellung der hier dargestellten Problematik, was man gemeinhin darunter versteht ein Chakra zu öffnen, anstatt es tatsächlich zu entwickeln. Es entspricht tatsächlich so sehr dem Geist unserer Zeit ohne Anstrengung, bzw. Entwicklungseinsatz in ein sogenanntes Sein zu treten.

    Gerde wenn man bspw. ein Chakra als ein seelisches Sinnesorgan mit Tugendkräften und spezifischen Qualitäten betrachtet ist oft ein gewisser Schmerz damit verbunden, vielfach zu lesen, wie man sich allem Geistigen, einem Chakra oder auch dem weiten Feld der Meditation nur öffnen müsse um in Kürze ‚Erfolg‘ zu haben.

    Der Entwicklungsgedanke wird dadurch regelrecht verneint und an diese Stelle tritt ein passives, bequemes Element. Selbst Ramana Maharshi, als bekannter Vetreter der Nicht-Zweiheit (advaita) reagierte außerordentlich ungehalten, als ein frischer Devotee von allerlei Extasen und schlauen Erfahrungen berichtete und sich damit allzuleicht über alle anderen stellte.

    Gerade für die Zukunft scheint mir eine pädagogisch reife und konstruktive Vermittlung und Darstellung über die Notwendigkeit der eigenständigen Entwicklungsarbeit äußerst notwendig, da ich diesen Fehler so häufig im sogenannten ganzheitlichen Milieu wiederfinde.

    Wie gesagt, auch wenn es sehr unterschiedliche Ansätze gibt, so erscheint mir die gleiche Problematik im Umgang mit der Meditation zu liegen. Es besteht eine intuitive Scheu davor, seine Seelenkräfte eigenständig entwickeln zu lernen, so wie man bspw. die erfolgreiche Meditation nicht wirklich von einer durch den Menschen geschaffenen Konzentrationsentwicklung trennen kann.

    Auch das Bild der geschaffenen Skulptur bringt den Prozess sehr schön zum Ausdruck.

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